Nachhaltige Landwirtschaft

Reiche Ernte in Äthiopien

Bauern in Äthiopien teilen ihre Erfahrungen mit neuen landwirtschaftlichen Methoden untereinander. Dazu gehören etwa der professionelle Bau von Dämmen und eine effiziente Tierhaltung.

Text: 
Marthe van der Wolf
Foto: 
Thomas Imo

In den Hochebenen von Tigray, der nördlichsten Region Äthiopiens, winden sich steile Straßen durch eine bergige, atemberaubende Landschaft. Doch etwas stimmt hier nicht. Zwischen den grünen Berghängen liegen – in starkem Kontrast dazu – große trockene Gebiete ohne Wälder. Verlässt man die Asphaltstraße und fährt weiter ins Innere des Distrikts Raya Azebo, hängen noch lange nach der Durchfahrt Staubwolken in der Luft. Bäume und Farmland haben Regen sichtlich nötig, das Vieh wirkt schlecht ernährt und die Bauern sorgen sich wegen der mageren Ernte, die angesichts der ausgelaugten Felder zu erwarten ist.

Rund eineinhalb Kilometer von der Hauptstraße entfernt erscheint plötzlich eine üppige Oase. Die Bäume hängen voller Früchte und auf den Feldern wachsen Getreide und Gemüse. Einer, der dort das Land bearbeitet und stolz seine gut gedeihenden Pflanzen inspiziert, ist Berhanu Hiluf, ein 38-jähriger Priester der äthiopischen orthodoxen Kirche. Auf seinem Viertelhektar Land wachsen Papayas neben Mangos, Bananen, Orangen, Kaffee und der äthiopischen Getreidesorte Teff.

Nahrungssicherheit und Schutz vor den Folgen des Klimawandels

Dieser Teil von Raya Azebo war nicht immer so reich an Ernte. Bis vor sieben Jahren erstreckte sich dort dasselbe Ödland wie entlang des Weges hierher. Erst durch ein Programm zur nachhaltigen Landbewirtschaftung wendete sich 2008 für Hiluf und sein Dorf das Blatt zum Besseren.

Weiter durch Wissen: Berhanu Hiluf freut sich, dass die neuen Anbaumethoden Früchte tragen. 15 Jahre lang mühte er sich vergeblich.

Weiter durch Wissen: Der äthiopische Landwirt Berhanu Hiluf freut sich, dass die neuen Anbaumethoden Früchte tragen. 15 Jahre lang mühte er sich vergeblich.

Das Programm trägt vor allem dazu bei, landwirtschaftliche Anbauflächen wiederzugewinnen – eine schwierige und existenziell wichtige Aufgabe angesichts der Tatsache, dass in dem ostafrikanischen Land jedes Jahr mehr als 30.000 Hektar Land verloren gehen, weil sich die Böden verschlechtern. Weitere Ziele des Programms sind Nahrungssicherheit und Schutz vor den Folgen des Klimawandels. Es läuft in 177 Distrikten Äthiopiens. Leitung und Umsetzung liegen bei der äthiopischen Regierung und ihren rund 70.000 & Landwirtschaftsberatern – äthiopischen Mitarbeitern, die vor Ort in den ländlichen Gebieten informieren und ausbilden. Unterstützt wird die Regierung von der GIZ, die im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gemeinsam mit der KfW Entwicklungsbank arbeitet. Die Weltbank, die Europäische Union, Norwegen und Kanada beteiligen sich an der Finanzierung des Programms.

Weniger fruchtbares Land bei einer wachsenden Bevölkerung

Wie Berhanu Hiluf leben die meisten in Raya Azebo von den Früchten des Bodens. Seit Generationen wird das Wissen über Ackerbau und Viehhaltung vom Vater an den Sohn, von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Doch die traditionellen Anbaumethoden genügen nun selbst in Jahren mit gutem Niederschlag nicht mehr – das liegt an einer relativ neuen Entwicklung in Äthiopien: der Überbevölkerung. Während das Land 1985 rund 40 Millionen Einwohner hatte, ist es heute mit 97 Millionen das bevölkerungsmäßig zweitgrößte Land Afrikas. Und die Zahl der Einwohner steigt weiter. Weniger fruchtbares Land bei einer wachsenden Bevölkerung führt zu weniger Ertrag für den Einzelnen. Das kann in einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung Kleinbauern sind und die Landwirtschaft 41 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmacht, katastrophale Folgen haben.

Wenn früher der Boden ausgelaugt war, packten die Bauern ihre Habseligkeiten zusammen und zogen weiter, um anderswo Felder zu bestellen. Es gab auch genug Grasland für die Tiere. Doch das Bevölkerungswachstum hat die Mobilität der Bauern eingeschränkt, Weideland zu finden ist mühsam geworden. Eine zunehmende Entwaldung und Verarmung der Böden sind die Folgen.

Bodenerosion und Überflutungen

Hiluf hat 15 Jahre lang versucht, dem überweideten, an Bodenerosion leidenden Land eine gute Ernte abzuringen. Er erinnert sich noch gut an den Tag vor rund sieben Jahren, als das neue Programm zur Verbesserung der Böden bei einem Gemeindetreffen vorgestellt wurde. Die Reaktion der Bauern war zögerlich bis ablehnend. Seit Generationen weitergegebene Methoden zu ändern, schien ihnen ein schwieriges Unterfangen. Insbesondere der Vorschlag, das Vieh nicht mehr frei grasen zu lassen, stieß auf Abwehr. Die Bauern sorgten sich vor allem wegen der zusätzlichen Kosten und Arbeit, die durch den Anbau des Futters entstehen würden.

Doch als die Bauern einmal Vertrauen gefasst hatten, zeigten sich schnell Verbesserungen, etwa durch den Bau von Dämmen. Hiluf half dabei, Rückhaltedämme in einer Schlucht zu errichten. So wurde Land gewonnen, eine der neuen Parzellen gehört nun ihm. Das habe sein Leben verändert, sagt er. Zuvor nutzten die Bauern nur kleine, notdürftige Dämme aus Holz, die in der Regenzeit meist von den Fluten zerstört wurden. „Über das Projekt bekamen wir das nötige Material und das Wissen, um den oberen Teil des Stroms abzudichten. Sofort gab es keine Überflutungen mehr.“ Sie konnten an den Hängen den Boden und das Wasser erhalten und umgehend mit der Zurückgewinnung des Landes beginnen.

Frau mit Weitblick – Aberehech Tesfay hat statt drei heute 50 Hühner und will ihre Farm noch weiter vergrößern. Grüne Landschaften – Tigrays Hügel dort, wo die Böden wieder gesund sind. Kleine Herden: Die Rinderzucht ist eine wichtige Einnahmequelle.  Bildergalerie: Bauern teilen ihre Erfahrungen mit neuen Methoden untereinander, systematisch und flächendeckend.

Ein Erfolgsbeispiel sind auch die Obstbäume. Früher brachten die Bauern ihre Ernte einmal in der Woche zu einem sechs Kilometer entfernten Markt. Doch die Nachricht von der reichen Ernte im Tal sprach sich schnell herum. Heute kommen die Käufer mit Lastwagen direkt zu den Feldern. In manchen Regionen führten die Veränderungen zu bis zu 85 Prozent mehr Ernte und deutlich mehr Einkommen für die Bauern.

Vor dem Pflanzen der Obstbäume wurden die Bauern umfassend geschult. Der zunächst so umstrittene Vorschlag, die Tiere nicht mehr frei grasen zu lassen, trug nun maßgeblich zum Erfolg bei, denn das Vieh konnte die jungen Pflanzen nicht gleich wieder zerstören.

Terrassen und Anlagen zur Wasserspeicherung

Äthiopiens geografische Vielfalt ist groß. Jede Region steht vor ganz eigenen Herausforderungen. Mancherorts sind Anlagen zur Wasserspeicherung und Terrassen entscheidend, während anderswo das Pflanzen verschiedener Arten von Bäumen den Wandel bringen kann. Das Programm zeigt den Bauern daher eine ganze Palette von Möglichkeiten auf, wie sie den Anbau verbessern sowie Ernte und Ertrag steigern können.

„Die Leistung des Programms lässt sich an seiner breiten Umsetzung messen“, fasst Johannes Schoeneberger von der GIZ den Erfolg zusammen. Mehr als 194.000 Haushalte, also rund eine Million Menschen, haben erfolgreich die besseren Methoden auf ihrem Land umgesetzt. Dadurch wurden 180.000 Hektar Land wieder nutzbar gemacht und erhalten.

Ein Ortsvorsteher beschreibt die Verwandlung seines Dorfes.

Aberehech Tesfay war eine der ersten Teilnehmerinnen aus dem Dorf Alage in der Region Tigray. Die Menschen in der Umgebung von Alage leiden unter den Folgen einer schweren Dürre. Doch dank des Programms spürt die 35-jährige Bäuerin davon wenig. Auf dem halben Hektar Land, das sie und ihr Mann besitzen, bauen sie ausreichend Weizen und Teff an.

Fortbildungen zu effizienter Tierhaltung

Zuvor hatte das Paar, das acht Kinder hat, jahrelang mühsam das Land bestellt. Die Schulung führte Tesfay in ein 150 Kilometer entferntes Dorf, wo die Erfolge anderer Bauern sich bereits deutlich zeigten. Angesichts der Bilder dort habe sie beinahe geweint, sagt Tesfay. „Als ich ihre Felder sah, wollte ich, dass mein Dorf genauso grün wird.“ Erfahrungsaustausche wie dieser haben sich als der beste Weg erwiesen, Landwirte zu ermutigen. Der Dialog erhöht die Bereitschaft, neue Techniken auszuprobieren.

Das zum Programm gehörende Ausbildungszentrum bei Alage bietet Fortbildungen zu ganz unterschiedlichen Themen an. Am meisten habe ihr die Schulung zu effizienter Hühner- und Legehennenhaltung gebracht, sagt Tesfay: „Früher hatte ich zwei oder drei Hühner“, erzählt sie, „heute sind es 50 Hühner und drei Milchkühe.“ Zudem konnte Tesfay zwei Ziegen kaufen. Ihr Leben habe sich komplett verändert: „Früher haben wir von der Hand in den Mund gelebt.“

Aberehech Tesfay kann es kaum erwarten, ihr Land und ihre Tierhaltung noch weiter zu verbessern.

Ansprechpartner: Johannes Schoeneberger > hans.schoeneberger@giz.de

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Äthiopien Karte

FÜR BESSERE BÖDEN

Projekt: Nachhaltige Landbewirtschaftung
Land: Äthiopien
Auftraggeber: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Politischer Träger: Äthiopisches Ministerium für Landwirtschaft und Naturressourcenmanagement
Laufzeit: 2015 bis 2017

In den sechs an dem Programm beteiligten Regionen leben mehr als 85 Prozent der Äthiopier. Jedes Jahr gehen dort Zehntausende Hektar Boden für die landwirtschaftliche Nutzung verloren, etwa durch Erosion. Das 2012 begonnene und 2015 verlängerte Programm ist Teil einer Initiative der äthiopischen Regierung zum Kampf gegen diese Entwicklung. Es wird kofinanziert durch die KfW Entwicklungsbank, die Weltbank, die Europäische Union, Norwegen und Kanada. Die GIZ stärkt durch Beratung und Fortbildung das Wissen und die Kenntnisse der äthiopischen Partner. Mehr als 500 kleinbäuerliche Verbände bewirtschaften nun mit nachhaltigen Methoden ihre Felder. Auf rund 180.000 Hektar Land, das in schlechtem Zustand war, wenden Bauern Techniken wie die terrassenförmige Abstufung des Geländes an. Das führt neben besseren Böden auch zu höheren Einkommen.