Berufsberatung in Albanien

Reality Check für Träume

Viele Albaner wollen in Deutschland arbeiten. Nur wenige wissen, was dafür die richtigen Voraussetzungen sind. 

Text: 
Sonja Gillert
Foto: 
Thomas Imo

Adelina Cenku hat einen Traum: München. „Schon als Kind habe ich mir vorgestellt, ins Ausland zu gehen“, sagt die Albanerin in gebrochenem Deutsch. Die 23-Jährige aus Tirana hat in Albanien Physiotherapie studiert. Künftig möchte sie in Bayern arbeiten und sich dort weiter spezialisieren. In dem Land ihrer Träume würden nahezu täglich neue Therapiemöglichkeiten entwickelt, sagt sie.

 Tirana

In Tirana hat die neue Beratungsstelle DIMAK eröffnet.

Mit dem Wunsch, ihre Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu gehen, ist sie nicht allein. 2015 haben sich 53.805 Albaner auf den Weg nach Deutschland gemacht und dort einen Asylantrag gestellt, 2016 waren es 14.852. Angesichts einer Arbeitslosenquote von 17 Prozent, sogar mehr als 32 Prozent bei den 15- bis 29-Jährigen, hofften viele Albaner auf ein besseres Leben im Ausland, angetrieben von falschen Informationen auf Facebook und angeblichen Erfolgsgeschichten. Doch Albanien gilt in Deutschland als sicheres Herkunftsland, ein Asylantrag scheitert mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit.

Wie fast jeder in dem Land mit seinen 2,89 Millionen Einwohnern hat auch Cenku Bekannte und Verwandte, die in der Hoffnung auf Asyl und Arbeit nach Deutschland gegangen sind – erfolglos. Seit Oktober 2016 gibt es deshalb in Tirana eine Anlaufstelle für Menschen wie die junge Physiotherapeutin: das Deutsche Informationszentrum für Migration, Ausbildung und Karriere (DIMAK). An zwei Schreibtischen im Arbeitsamt der Hauptstadt Tirana, beladen mit jeder Menge Broschüren, klären Berater über Arbeits- und Fortbildungsmöglichkeiten in Albanien auf. Gleichzeitig informieren sie über legale Wege, in Deutschland eine Arbeit zu bekommen, zu studieren oder sich ausbilden zu lassen.

Das DIMAK ist ein Angebot des Centrums für internationale Migration und Entwicklung (CIM), einer Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) betreibt CIM, jeweils in Kooperation mit den nationalen Arbeitsverwaltungen, derzeit vier solcher Infozentren in Serbien, Albanien, Kosovo und Tunesien.

Deutsch lernen ist Voraussetzung

„Die Menschen, die hierher kommen, machen einen Reality Check“, sagt Florenc Qosja, der an einem der Schreibtische sitzt. Er koordiniert das DIMAK. „Viele sind mit der Vorstellung nach Deutschland gegangen, sie würden dort einen Job finden und könnten so ihren Aufenthalt legalisieren.“ Um in Deutschland arbeiten zu dürfen, müssen aber viele Voraussetzungen erfüllt sein: Dazu gehören beispielsweise ein konkretes Stellenangebot, ein Arbeitsvertrag, die Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit, dass die Stelle nicht anders besetzt werden kann, sowie ein Arbeitsvisum.

Adelina Cenku hat beim DIMAK erfahren, dass sie unter anderem Deutsch lernen muss, um als Physiotherapeutin in Deutschland arbeiten zu dürfen. Deswegen besucht sie jetzt täglich einen Sprachkurs. „Ich brauche das Niveau B1“, sagt sie. Außerdem muss sie eine Prüfung zur Anerkennung ihrer Qualifikation bestehen.

Etwa 1.500 Menschen haben sich bereits im DIMAK Tirana beraten lassen. An den Tagen nach der Eröffnung war mit 50 bis 60 Ratsuchenden täglich der Andrang so groß, dass sie gar nicht allen sofort helfen konnten, berichtet Qosja. Viele Albaner nutzen die Facebook-Seite der Beratung, um ihre Fragen zu stellen. Immerhin ein Viertel der Hilfesuchenden sind „freiwillige Rückkehrer“, deren Asylantrag abgelehnt wurde – 17.000 Albaner gingen 2016 von Deutschland in ihre Heimat zurück. Viele wissen nicht, wie man eine gute Bewerbung verfasst, so dass sie auch auf dem albanischen Arbeitsmarkt Chancen verpassen. Deswegen bietet das Zentrum entsprechende Seminare an. Regelmäßig organisiert das DIMAK zudem Jobmessen, auf denen sich Arbeitssuchende direkt bei Unternehmen vorstellen können.

Alte Olivenbäume sichern Arbeitsplätze

Die meisten Arbeitsplätze bieten in Albanien Unternehmen mit bis zu 80 Mitarbeitern. Etwa 70 Prozent aller Angestellten sind in solchen Betrieben tätig. Silvana Subashi hat es geschafft, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, und zwar in einer Branche, die in Albanien Tradition hat: Eine halbe Stunde Autofahrt von Tirana entfernt leitet Subashi eine Olivenölproduktion mit neun Angestellten. Etwa zehn Prozent der landwirtschaftlichen Fläche des Landes wird für den Olivenanbau genutzt – eine Chance für die Menschen in den ländlichen Gebieten, wo die Arbeitssuche oft noch schwieriger ist als in den Städten.

 Silvana Subashi

Baut auf den Olivenbaum: Silvana Subashi

Subashi steht in knöchelhohem Gras an einem Steilhang im Schatten eines mächtigen Olivenbaums. „Dieser Baum ist 250 bis 300 Jahre alt“, sagt sie. Etwa 200 Kilogramm Oliven trägt er pro Saison, das reicht für 50 Liter Öl. Vorsichtig streicht Subashi über die Rinde des breiten Stammes. Es ist nur einer von etwa 1.200 Olivenbäumen, die hier an den steilen Hängen wachsen. Seit mehreren Jahrhunderten gehört das Gelände der Familie ihres Mannes und einigen anderen Familien aus der Region. Doch es ist nicht einfach, die Schätze zu heben.

Um wirtschaftlich effizient Öl zu gewinnen und zu vermarkten, braucht es teure Geräte, gutes Marketing und Qualitätssicherung.  Subashi hat sich mit anderen Bauern zu einer Olivenöl-Kooperative zusammengeschlossen, um Kosten zu sparen und wettbewerbsfähig zu sein. Unterstützt werden sie vom Netzwerk „Nucleus Albania“. Es bringt kleine Unternehmen zusammen, vor allem auf dem Land. Das Netzwerk hilft dabei, Qualität und Produktivität zu steigern und die Waren besser zu vermarkten. Die GIZ hat dieses Projekt 2014 im Auftrag des BMZ gestartet. „Durch das Netzwerk haben wir eine bessere Lobby“, sagt Subashi: „Und es gibt keine Zäune mehr zwischen den einzelnen Plantagen, was den Transport der Oliven sehr erleichtert.“ Auf Eseln werden die Früchte über die steilen Hänge zur Straße gebracht.

Nahe des alten Olivenbaums hat Subashi einen Tisch aufgestellt: Darauf stehen Glasflaschen mit Rosmarin, Chilischoten und golden schimmerndem Öl, daneben eine Schale mit glänzendem Olivenhonig und eine Flasche mit Tee aus Olivenblättern. Subashi versucht, sich durch die Verfeinerung ihres Öls mit neuen Aromen von anderen Produzenten abzuheben. Außerdem entwickelt sie neue Produkte. Sie stehen bereits in den Regalen der Geschäfte in Tirana.

Ansprechpartner:

DIMAK: Luiz Ramalho > luiz.ramalho@giz.de

Olivenölproduktion: Katja Röckel > katja.roeckel@giz.de

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