Interview Frauen

„Nicht Superwoman spielen“

Michelle Bachelet ist neue UN-Kommissarin für Menschenrechte. Zuvor war sie Verteidigungsministerin und anschließend Präsidentin ihres Heimatlandes Chile – jeweils als erste Frau in diesen Ämtern. Jüngeren Politiker*innen rät sie vor allem: Perfektionismus ablegen und nie den Humor verlieren.

Text: 
Friederike Bauer
Foto: 
Seth Wenig/AP/dpa

Weltweit übernehmen mehr und mehr Frauen hohe politische Ämter. Wo stehen wir bei der Verteilung von Macht?
Tatsächlich engagieren sich immer mehr Frauen in politischen Ämtern. Und noch ermutigender ist eine andere Entwicklung: Viele von ihnen sind junge Frauen aus unterrepräsentierten Gruppen der Gesellschaft. Genau das zeichnet eine gesunde Demokratie aus. Zum Thema gleichberechtigte Machtverteilung der Geschlechter ziehe ich gern einen Vergleich zum Fußball, einem Sport, der in meiner Heimat sehr populär ist: Frauen in einer Gesellschaft außen vor zu lassen, ist, als spiele man nur mit der halben Mannschaft. Ein solches Team ist immer im Nachteil.       

Was kann getan werden, um den Trend zu mehr Beteiligung von Frauen an der Macht zu unterstützen?
Während meiner Amtszeit haben wir beispielsweise das Ministerium für Frauen und Gender-Gleichheit geschaffen. Dadurch haben wir der großen Relevanz des Themas Rechnung getragen und Ressourcen dafür mobilisiert. Bis zum letzten Jahr waren in den beiden Kammern des chilenischen Kongresses nur 16 Prozent der Abgeordneten Frauen. Das hat sich dank des im Januar 2015 verabschiedeten Quotengesetzes deutlich verbessert. Bei der letzten Kongresswahl machten Frauen dann 40 Prozent der Kandidatinnen und Kandidaten aus. Ähnliche Anreize wie im Gesetz haben wir auch dafür geschaffen, dass Frauen Mitglied in den Direktorien staatlicher und privater Unternehmen werden.

Heißt das, Frauen sind jetzt gleichberechtigt?
Als Frau in die Politik zu gehen, bleibt weiter ein Kampf. Zwar zweifeln nur noch wenige daran, dass Frauen dasselbe leisten können wie Männer. Aber sie werden anders bewertet. Ich selbst habe das in Chile erlebt, aber es passiert auf der ganzen Welt. Nehmen Sie nur den letzten Präsidentschaftswahlkampf in den USA und einige der sexistischen Kommentare über Hillary Clinton. Für politische Arbeit zahlen Frauen einen hohen Preis. Man verbringt weniger Zeit mit der Familie. Das Privatleben wird an die Öffentlichkeit gezerrt. Frauen müssen Kommentare über ihr Äußeres lesen oder sich anhören. Man wird mit den verschiedensten Lügen konfrontiert. Aber dieser Preis ist nichts im Vergleich zur Befriedigung, die man spürt, wenn man das Leben von Menschen verbessern kann. In meiner Zeit als Präsidentin habe ich viele Regionen und Gegenden Chiles besucht und von vielen Leuten Dank für meine Arbeit erhalten. Das war unbezahlbar. Und zeigt einem, dass es sich lohnt.

Wenn Frauen an der Macht sind, regieren sie anders?
Ich sage immer: Wenn eine Frau in die Politik geht, dann ändert sich die Frau. Wenn viele Frauen es tun, dann ändert sich die Politik. In Chile etwa hatten wir in den vergangenen Jahren eine Senatspräsidentin, weibliche Parteivorsitzende, Gewerkschaftspräsidentinnen und Frauen in leitenden Funktionen im Bildungsbereich. Sie haben gezeigt, dass Frauen ihre Aufgaben exzellent erfüllen können, und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft. Dadurch haben wir Mythen und Vorurteile durchbrochen. Ich glaube auch, dass wir viele Frauen motiviert haben, sich in der Politik und anderen Bereichen einzubringen und sich gemeinsam für mehr Gender-Gerechtigkeit einzusetzen.

Sind das persönliche Eindrücke?
Nicht nur. Einem vor kurzem veröffentlichten UNDP-Bericht zufolge schätzen die Chileninnen und Chilenen heute männliche und weibliche politische Führung gleichermaßen. Vor weniger als einem Jahrzehnt waren noch 38 Prozent der Bürgerinnen und Bürger überzeugt, Männer seien bessere Politiker als Frauen. Heute dagegen sind fast 80 Prozent der Bevölkerung anderer Meinung. Das ist ein wichtiger kultureller Wandel, der optimistisch stimmt, was die Zukunft unserer Länder in Sachen Gleichheit, Gerechtigkeit und Fortschritt angeht.

Obwohl gleiche Teilhabe von Frauen in der Politik und in Führungspositionen allgemein noch lange nicht erreicht ist, verändert sich die Sicht darauf. Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen an der Macht sich nicht „vermännlichen“ müssen, um ihre Arbeit zu machen. Zweifellos müssen sie noch immer stärker um Anerkennung kämpfen. Aber es wird immer mehr akzeptiert, dass Macht nicht den Männern vorbehalten sein kann und darf. Und man kein Mann sein muss, um eine führende Rolle in der Politik zu spielen.

Sind Politikerinnen sozialer und weniger korrupt – oder ist das ein positives Vorurteil?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob das stimmt. Ich vermute eher, dass es – wie Sie es formulieren – ein „positives Vorurteil“ ist. Zu den gängigsten Stereotypen gehört die Vorstellung, dass Frauen weniger egoistisch, wohltätiger, selbstloser sind und höhere moralische Ansprüche haben. In einem Bericht habe ich aber tatsächlich gelesen, dass in Demokratien, in denen Korruption stärker stigmatisiert ist als in anderen Staatsformen, Frauen Korruption negativer sehen als Männer und sich weniger an korrupten Machenschaften beteiligen.

Vermutlich rührt die Vorstellung, Frauen seien weniger korrupt, daher, dass sich mehr Männer in höheren Machtpositionen befinden und wir daher aus den Medien über große Korruptionsskandale meist im Zusammenhang mit Männern hören. Aber selbst wenn es keine Beweise dafür gäbe, dass Frauen von Natur aus weniger korrupt sind: Frauen stärker an der Macht zu beteiligen, wäre dennoch in hohem Maße erstrebenswert. Selbst wenn es nicht direkt zu weniger Korruption führte, würde es zur Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen.

Werden Frauen in öffentlichen Ämtern nach den gleichen Kriterien beurteilt wie ihre männlichen Kollegen?
Ich habe immer aus freien Stücken im öffentlichen Bereich gearbeitet und dabei regelmäßig große Vorbehalte gegenüber Frauen erlebt. Sie werden häufig nach völlig irrelevanten Kriterien beurteilt. So hat mir zum Beispiel einmal eine dänische Ministerpräsidentin erzählt, dass die Presse während ihres Wahlkampfs vor allem die Größe ihrer Handtasche thematisierte – statt auf ihre programmatischen Inhalte einzugehen. Ähnliches kenne ich auch aus meinem Land. In meiner Zeit als Verteidigungsministerin hatte ich einen Kollegen, der etwas „stärker gebaut“ war. Sein Spitzname war „Panzer“ – ein Synonym für Macht. Wenn eine Frau „stärker gebaut“ ist, dann gilt sie einfach als dick. Auch als Präsidentin habe ich das erlebt. Bewertungen und Kritik sind in Ton und Form anders als bei männlichen Kollegen.

Am dramatischsten aber ist, dass auch viele Frauen die Unterschiede in der Beurteilung nicht sehen. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos etwa, an dem ich als Exekutivdirektorin von UN Women teilnahm, traf ich erfolgreiche Businessfrauen, von denen viele keinerlei Gender-Bewusstsein besaßen. Sie sagten: „Ich bin, wo ich bin, weil ich meine Arbeit gut mache. Dass ich eine Frau bin, hat damit nichts zu tun.“ Und ich antwortete ihnen: „Weil ich gute Arbeit geleistet habe, war ich Präsidentin von Chile – obwohl ich eine Frau bin.“ Und weil ich eine Frau bin und weiß, dass es viele kompetente Frauen gibt, tue ich alles in meiner Macht stehende, damit mehr von ihnen mit ihren Fähigkeiten und Talenten in angemessene Bereiche vordringen und ihren Beitrag leisten können.

Dass ich es erreicht habe, zweimal Präsidentin von Chile zu werden, ist das Ergebnis meiner harten Arbeit. Ich hatte es nicht so geplant, aber ich war bereit, in der Öffentlichkeit zu arbeiten. Ich hatte Interesse, mich dafür einzusetzen, das Leben der Menschen in meinem Land zu verbessern, besonders das der Schwächsten in der Gesellschaft. Ich habe die gleichen Hürden genommen wie die meisten Frauen. Der einzige Unterschied war, dass jeder meinen Werdegang kannte. Darum fühle ich mich auch nicht als etwas Besonderes oder Besseres.

In Zeiten des Populismus sehen manche Leute die Gefahr, dass auch die Gleichberechtigung Rückschläge erleiden wird. Wie sehen Sie das?
Ich komme aus einem Land, das nach 17-jähriger Diktatur mit großem Aufwand Freiheit und Demokratie wieder einführen musste. Wie meine Landsleute und Millionen andere Menschen auf der Welt weiß ich, dass mit der Einführung einer Demokratie die Aufgabe noch lange nicht zu Ende ist. Während dieses andauernden Aufbauprojekts muss man immer auf der Hut sein. Das Wiederaufleben des Populismus sollte uns alle wirklich besorgt machen. Durch meine eigene Geschichte ist mehr sehr wohl bewusst, wie fragil demokratische Institutionen sind und wie groß die Bedeutung der Zivilgesellschaft – unter anderem von Frauengruppen – im Kampf um mehr Demokratie ist.

Frauen haben sich immer politisch beteiligt, ob in Chile während der 80er Jahre oder im Arabischen Frühling vor wenigen Jahren. Daher glaube ich nicht, dass ein Rückschlag droht. Wenn wir – die internationale Gemeinschaft – weiter auf die Gleichberechtigung der Geschlechter hinarbeiten und Frauen politisch durch Quotenregelungen ermächtigen, werden sie weiterhin vorne mitlaufen und den Wandel unserer Gesellschaften mitgestalten.

Welchen „goldenen Rat“ geben Sie jungen Frauen mit auf den Weg, die in die Politik gehen möchten?
Nicht Superwoman sein wollen, denn das endet unweigerlich in Frustration. Lieber bei jemandem Unterstützung suchen, auf den man sich verlassen kann. Bestimmt auftreten, aber gleichzeitig die Kunst des Dialogs beherrschen. Nie aufhören, wachsam zu sein; immer Augen und Ohren offen halten. Zuhören, hingucken, aber vor allem handeln, wenn es nötig ist – möglichst mutig und großzügig. Denn das ist Politik: ein permanentes „unfertiges Projekt“, an dem Frauen sich beteiligen müssen. Und natürlich: Immer versuchen, den Sinn für Humor nicht zu verlieren!

aus akzente 4/18

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