Arbeiten in Deutschland

Make it in Hamburg!

Von einem Hamburger Projekt zur Integration ausländischer Fachkräfte in den Arbeitsmarkt profitieren beide Seiten: Jobsuchende und Arbeitgeber in Deutschland.

Text: 
Mirjam Hecking
Foto: 
Tim Hoppe

Der Blick aus den dunklen Augen ist konzentriert nach vorne gerichtet. Unbewusst streicht Farhad Haidari mit dem Zeigefinger über seine Oberlippe. Wenige Meter vor dem jungen Mann aus Afghanistan steht Bernd Wenske und erklärt, was in eine deutsche Bewerbung gehört: „Wenn da steht: ‚Bitte senden Sie uns Ihre komplette Bewerbung‘, dann heißt das, dass ihr sämtliche Zeugnisse samt Lebenslauf mitschicken sollt“, erläutert der Seminarleiter. „Dasselbe gilt, wenn da ‚ausführlich‘, ‚aussagekräftig‘ oder ‚aussagefähig‘ steht“, fügt er in etwas deutsch gefärbtem Englisch hinzu. Und schließt mit einem leisen Klick den Stift, mit dem er die Schlüsselwörter auf das Flipchart geschrieben hat.

Neustart: Bei „Make it in Hamburg!“ lernt Farhad Haidari die Feinheiten der deutschen Arbeitswelt kennen – und erfährt manch Überraschendes.

Neustart: Bei „Make it in Hamburg!“ lernt Farhad Haidari aus Afghanistan die Feinheiten des deutschen Arbeitsmarktes kennen.

Die blond gelockte Nachbarin von Haidari lacht auf. „Die Deutschen haben immer so viele Ausdrücke für genau dasselbe“, meint sie kopfschüttelnd, notiert sich aber sämtliche Formulierungen. Schließlich will sie bei ihrer nächsten Bewerbung keine Fehler machen.

Finanziert vom Europäischen Sozialfonds und der Stadt Hamburg

Zusammen mit zehn weiteren Teilnehmern sitzen die beiden in einem lichtdurchfluteten Raum in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs. Die Kieferntische in dem Altbauzimmer sind hufeisenförmig auf eine große digitale Tafel ausgerichtet. Kaffeetassen, Wasserflaschen und Laptops stehen auf den Tischen der Teilnehmer, die aus Frankreich, Indien, Polen, Südafrika, Zypern oder eben Afghanistan kommen. Es herrscht konzentrierte Stille. Nur ab und zu klickt die Tastatur eines Laptops.

Am Fenster hängt ein Poster, „Make it in Hamburg!“ steht darauf in Rot. Es ist der Name eines Projekts, das die GIZ umsetzt. Sein Ziel: ausländische Fachkräfte in Hamburg bei der Jobsuche zu unterstützen. Dabei ergänzt das vom Kooperationspartner Arbeit und Leben Hamburg durchgeführte dreitägige Bewerbertraining die persönliche Beratung durch die GIZ. Finanziert wird das Projekt zu gleichen Teilen aus dem Europäischen Sozialfonds und von der Stadt Hamburg.

Trotz Fachkräftemangels sind viele Unternehmen sehr vorsichtig

Alle Anwesenden sprechen fließend Englisch. Viele haben exzellente Studienabschlüsse, einige sogar Doktortitel. Dennoch tun sie sich schwer damit, auf eigene Faust in Deutschland eine Stelle zu finden. Denn auch wenn die Medien regelmäßig über den sich abzeichnenden Fachkräftemangel in Deutschland berichten: „Wenn es darum geht, ausländische Bewerber anzustellen, sind viele Unternehmen noch sehr vorsichtig“, sagt Florian Krins von der GIZ. Der Hamburger hat es schon oft erlebt. Seit Anfang 2014 berät er bei „Make it in Hamburg!“ gut ausgebildete Jobsuchende aus dem Ausland.

Doch es sind nicht nur die Unternehmen, die dazulernen müssen. Viele der ausländischen Bewerber wissen nicht, wie der deutsche Arbeitsmarkt funktioniert. „Die Bewerbungskultur in Deutschland unterscheidet sich fundamental von der in anderen Ländern“, erklärt Krins.

Beratung zu Stellenbörsen und Lebenslauf

Mehr als 450 ausländische Fachkräfte aus mehr als 70 Ländern haben seit dem Start des Projekts dessen Unterstützung angenommen. Sie lassen sich beraten, holen sich Tipps oder nehmen an Seminaren wie dem von Bernd Wenske teil. Nicht alle, die in das GIZ-Büro in der Hamburger Innenstadt kommen, brauchen ein Bewerbertraining. Manche müssen nur auf geeignete Stellenbörsen hingewiesen werden. Andere wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen.

Ein Bewerbertraining, wie Haidari es absolviert, kann ihnen weiterhelfen. Drei Tage lang lernen Jobsuchende die Feinheiten und Tücken der deutschen Arbeitswelt kennen. Worauf man bei einem Lebenslauf achten muss. Wie man sein Gehalt aushandelt. Und wie man ein Anschreiben formulieren sollte, um Unternehmen für sich zu interessieren. „Wenn in einer Stellenausschreibung zehn Anforderungen aufgelistet sind, ich aber nur neun erfüllen kann, soll ich mich dann wirklich bewerben?“ Farhad Haidari aus Afghanistan kann es kaum glauben. Mit hochgezogenen Brauen schaut er Kursleiter Wenske an. „Ja“, antwortet Wenske ruhig. Der grauhaarige Kursleiter in Jeans und hellem Kurzarmhemd rückt seine Hornbrille zurecht. „Eine Stellenausschreibung ist so etwas wie eine Wunschliste. Da könnt ihr euch auch bewerben, wenn nicht alles hundertprozentig passt“, sagt er und blickt in die Runde.

Im Bewerbertraining hören Far­had Haidari (Zweiter von links) und die anderen Teilnehmer, dass die An­forderungen in einer Stellenausschreibung zunächst als Wunschliste zu verstehen sind. Also: Mut haben – und es mit einer Bewerbung versuchen, auch wenn man nicht alle Punkte erfüllt.Die Gruppen sind vergleichsweise klein, jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin kann sich mit Fragen zur jeweils persönlichen Situation einbringen.Seminarleiter Bernd Wenske erklärt geduldig. Bildergalerie Besuch bei einem Bewerbertraining mit internationalen Teilnehmern in Hamburg.

Dass es gar nicht so einfach ist, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, hat auch Arunkumar Jayaprakash erfahren müssen. Der 33-jährige Flugzeugingenieur aus Bangalore lebt bereits seit mehr als drei Jahren in Hamburg. Ein Airbus-Zulieferer hatte ihn in die Stadt geholt. Dort entwickelte er Teile des A350. Nun ist das Flugzeug fertig. Und Jayaprakash arbeitslos.

Der Ingenieur aus Indien hat ein Bewerbungsgespräch

Ein neuer Job muss her. Doch schon die Kontaktaufnahme zu möglichen neuen Arbeitgebern gestaltete sich schwieriger als erwartet. „Am Telefon haben die meisten einfach aufgelegt“, erzählt Jayaprakash und zupft einen Fussel von seinem frisch gebügelten Leinenhemd. „Vielleicht hat sie schon mein Name abgeschreckt.“

Nach einer Telefonschulung durch „Make­ it in Hamburg!“ läuft es nun besser. „Da haben wir geübt, dass man seinem Gegenüber zunächst einmal darlegt, worum es geht. Und den Namen vielleicht nicht als Erstes nennt“, erzählt er. „Mittlerweile erkläre ich auch immer, welcher mein Vorname und welcher mein Nachname ist“, sagt Jayaprakash. Dabei blitzen seine Augen schelmisch. Den Vornamen, Arunkumar, hat er sicherheitshalber zu Arun abgekürzt. Einen Job hat der junge Inder zwar noch nicht. Doch mittlerweile melden sich die Firmen bei ihm zurück. „Und einen Termin für ein Vorstellungsgespräch habe ich auch schon“, sagt er.

Seminare für Fachkräfte

Internationalität gehört zu Hamburgs Geschichte – die Hafen- und Handelsstadt hat seit jeher von Vielfalt profitiert. Gut ausgebildete Fachkräfte mit neuen Ideen sind hier immer gefragt. Das Projekt „Make it in Hamburg!“ unterstützt sie bei der Integration in den Arbeitsmarkt. Unter anderem gibt es eine Servicestelle, an die Jobsuchende und Unternehmen sich wenden können. Die GIZ bietet im Auftrag der Hansestadt Hamburg zudem Bewerbungstrainings und interkulturelle Workshops an. Der Europäische Sozialfonds beteiligt sich an der Finanzierung. Rund 450 Fachkräfte haben die Angebote bereits genutzt. Etwa 300 nahmen an Seminaren teil, mehr als 75 fanden im Anschluss einen Job, eine Ausbildungsstelle oder ein Praktikum.

Ähnlich wie Jayaprakash ging es Zhuoli Li – oder Linda Lee, wie sie sich hier in Deutschland nennt. Die 32-jährige Chinesin ist bereits seit mehr als einem Jahr in Hamburg. Ein Automobilzulieferer hatte die internationale Handelsfachkraft als Kundenbetreuerin aus Schanghai nach Deutschland geholt. Nun läuft ihr Vertrag aus. Sie will in Deutschland bleiben, denn sie schätzt die deutschen Sozialstandards und Gehälter. Auch einen internationalen Freundeskreis hat sich Li in Hamburg aufgebaut. 

Mit der Unterstützung der Bewerbungstrainer lernte sie, ein Anschreiben zu formulieren. Mit Erfolg: Sie wurde von einem Technologiekonzern eingeladen. „Das Vorstellungsgespräch ist ganz gut gelaufen“, erzählt sie strahlend. Wenige Wochen später hat sie eine noch bessere Nachricht: Der Vertrag ist unterzeichnet.

Zhuoli Li auf Jobsuche in Deutschland.

Trotzdem paukt Zhuoli Li weiter fleißig Deutsch. Denn das, hat sie gemerkt, ist eine wichtige Eintrittskarte in den deutschen Arbeitsmarkt. Auch wenn im Job vor allem Englisch gesprochen wird: „Die Unternehmen erwarten das einfach.“

> Ansprechpartner: Florian Krins florian.krins@giz.de

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