Porträt

Leben nach der Katastrophe

Im April 2013 stürzte die Textilfabrik Rana Plaza ein und riss mehr als 1.100 Menschen in den Tod. Shilpi Rani Das überlebte das Unglück schwer verletzt. Es war das schwerste in der Geschichte der Textilindustrie. 

Text: 
Gemma Pörzgen
Foto: 
Thomas Imo/photothek.net und GIZ

Auch Jahre danach kommen ihr noch die Tränen. Aber Shilpi Rani Das will dennoch erzählen von diesem schrecklichen Tag, der ihr ganzes Leben veränderte und 1.135 Menschen in den Tod riss. Die 22-jährige Näherin aus Bangladesch hat das Unglück von Rana Plaza überlebt, wenn auch schwer verletzt und traumatisiert. Sie war eine von fast 2.500 verletzten Textilarbeiterinnen und Textilarbeitern.

Shilpi Rani Das, Foto: GIZ

Die Fernsehbilder gingen im April 2013 um die Welt und erschütterten viele, die sich bisher wenig Gedanken darüber machten, wenn sie sich ein billiges T-Shirt aus Bangladesch kauften. Der Einsturz des Gebäudes, in dem sich damals fünf Bekleidungsfabriken befanden war auch deshalb so ein Skandal, weil die Manager die Beschäftigten gezwungen hatten dort weiter zu arbeiten, obwohl bereits tagelang deutliche Risse zu sehen gewesen waren. Rana Plaza wurde damit zum Symbol für alles, was in der internationalen Bekleidungsindustrie nicht stimmte: Ausbeutung, Hungerlöhne und intransparente Lieferketten.

Shilpi war mittendrin, als das ganze Gebäude in nur 90 Sekunden über ihr einstürzte. Drei Tage lang musste sie ausharren, bis Helfer sie befreien konnten. Ihr linker Arm war zerquetscht, ein Bein schwer verletzt. Es folgte eine mehr als zweijährige Odyssee durch die Krankenhäuser und Kliniken des Landes. Ihr Arm musste amputiert werden.

Auftritt in Berlin

Sechs Jahre später steht die junge Frau in Berlin in einem gut gefüllten Saal im Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und wird von Minister Gerd Müller herzlich begrüßt. Es ist die öffentliche Präsentation „Grüner Knopf – We change fashion“, bei der das erste staatliche Textilsiegel vorgestellt wird und dabei helfen soll, die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit zu verbessern.

Shilpi hat den weiten Weg aus ihrer Heimat auf sich genommen, um in einer Ansprache an ihr Schicksal und das der vielen anderen Opfer von Rana Plaza zu erinnern. Es ist ein eindrucksvoller Auftritt, da die junge Frau freimütig über ihre schweren Erfahrungen spricht. Ihre warme, dunkle Stimme nimmt die 300 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gefangen und führt sehr plastisch vor Augen, was sich alles in der Bekleidungsindustrie ändern muss, damit so ein Unglück nie wieder geschieht.     

 

Shilpi Rani Das mit Minister Gerd Müller bei der Präsentation des staatlichen Textilsiegels „Grüner Knopf“ in Berlin in Berlin, Foto: Thomas Imo/photothek.net

„Ich bin zum ersten Mal in Europa“, erzählt Shilpi später. Sie hat ihr Land noch nie verlassen, aber die Fremde scheint sie wenig zu verunsichern. Die aparte, junge Frau im leuchtend pinkfarbenen Baumwollkleid strahlt ein natürliches Selbstbewusstsein aus und wirkt, als wäre sie mit sich eins. Ein weißer Schal ist geschickt drapiert und verbirgt, dass ihr linker Arm fehlt.

Mit zwölf Jahren Näherin  

Shilpi wuchs in einer Bauernfamilie mit vier Kindern auf. Der Vater arbeitete als Erntehelfer und verdiente zu wenig, um die Familie zu ernähren. Deshalb reichte das Einkommen gerade aus, um den einzigen Sohn weiter in die Schule zu schicken. Die Töchter besuchten nur die ersten beiden Klassen, dann halfen sie ihrer Mutter im Haushalt und begannen schließlich als Näherinnen in verschiedenen Fabriken zu arbeiten. Da war Shilpi gerade mal 12 Jahre alt. Ihr Traum von mehr Bildung schien ausgeträumt.

„Rana Plaza war mein dritter Arbeitsplatz und wir verdienten umgerechnet etwa 35 Euro im Monat“, erinnert sich Shilpi. Sie war damals sehr stolz auf ihre Arbeit und den Verdienst, der es dem Vater ermöglichte, das kleine Haus der Familie von einem Verwandten zurück zu kaufen. „Eigentlich war das damals eine gute Zeit für die ganze Familie.“
 
Dann kam der Tag, der alles verändern sollte. Risse waren schon in den Tagen zuvor in dem Gebäudekomplex sichtbar gewesen. „Meine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht und wollte nicht, dass wir arbeiten gehen“, sagt Shilpi. „Hätte ich damals auf meine Mutter gehört, wäre das alles nicht geschehen.“ Es schien zunächst ein ganz normaler Arbeitstag zu werden. „Doch dann war es plötzlich wie ein Erdbeben und das ganze Gebäude sackte innerhalb von Sekunden in sich zusammen.“

„Alles war dunkel und ich wusste nicht, ob ich das alles überleben werde“, erinnert sich Shilpi. Es dauerte drei Tage, bis Hilfe kam. „Damals hatte ich Angst, es könnte die ganze Welt zusammengebrochen sein und nicht nur das Rana Plaza.“

Der Traum von der Schulbildung

Trotz ihres schweren Schicksals verlor Shilpi ihren Traum von einer guten Schulbildung nie aus den Augen. Unterstützung dafür bot ihr das Hilfswerk Meena, das sich für die Überlebenden von Rana Plaza und deren Angehörige einsetzt. In den ersten Jahren nach der Katastrophe leistete Meena finanzielle Unterstützung für Operationen und die Behandlung schwer verletzter Arbeiterinnen und Arbeiter. Heute liegt der Fokus auf Aus- und Weiterbildung, um langfristige Lebensperspektiven zu schaffen. Für Shilpi engagierte Meena eine Lehrerin, die sie schon in der Klinik unterrichtete. Die damalige Meena-Gründerin und heutige GIZ-Mitarbeiterin in Dhaka, Farhana von Mitzlaff, hatte die junge Frau schon früh nach dem Unglück kennengelernt. „Das Lernen hat Shilpi geholfen, ihre große Traurigkeit wieder in Hoffnung zu verwandeln“, sagt von Mitzlaff.  

Die junge Frau lebt heute bei ihrer Schwester und deren Familie. Sie arbeitet bei Meena, verdient ihr eigenes Geld und führt ein eigenständiges Leben. Nach Abschluss der 10. Klasse im nächsten Frühjahr wird Shilpi aufs College gehen. „Ich möchte gerne Richterin werden, weil ich Gerechtigkeit erreichen möchte“, sagt Shilpi über ihre Zukunftspläne. „Ich hätte niemals gedacht, dass meine Träume doch noch einmal Wirklichkeit werden können.“

November 2019

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