Essay Abfall

Leben im Wegwerfmodus

Der Mensch scheint in seinen eigenen Resten zu versinken. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft und neue Konsummuster könnten Abhilfe schaffen, analysiert Umweltjournalist Joachim Wille.

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Florian Bayer

„Weg mit dem Einweg.“ So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen aus dem Europaparlament in diesem Frühjahr. Eine gute Nachricht. Denn Europa geht voran im Kampf gegen den Plastikabfall, der die Strände und die Ozeane vermüllt. Die EU-Abgeordneten hatten beschlossen, ab 2021 zehn in der Union besonders häufig verkaufte Einwegprodukte zu verbieten. Darunter Wattestäbchen, Trinkhalme, Einweggeschirr und aufgeschäumte Polystyrol-Behälter. Alles „Ex-und-hopp-Produkte“, die bei Stichproben am häufigsten an den Stränden in 17 EU-Mitgliedstaaten gefunden wurden.

Nur: Zum Aufatmen gibt es keinen Grund. Einwegplastik zu verbieten, ist zwar ein richtiger Schritt, bringt in der Gesamtbilanz aber wenig. Der Anteil dieser „Ex-und-hopp-Produkte“ am Kunststoffverbrauch ist zu gering. In Deutschland, Europas größter Volkswirtschaft, beträgt ihre Menge jährlich rund 105.000 Tonnen, während in der gleichen Zeit allein rund drei Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen genutzt werden, die ebenfalls meist nach kurzer Zeit als Abfall enden. Das heißt: Die weltweit beachtete EU-Regelung vermindert diesen Plastikstrom hierzulande um ganze drei Prozent.

 

 

Tatsächlich ist der Einweg-Bann nur eine Teillösung für ein Teilproblem, selbst wenn der EU-Vorstoß auf anderen Kontinenten Nachahmer findet. Er reicht bei weitem nicht aus. Nicht, um die Strände zu schützen, nicht, um das Wachstum der gigantischen Plastikstrudel in den Weltmeeren zu bremsen, und auch nicht, um die Verschmutzung der Meere mit Mikroplastik zu stoppen. Denn das ist unsichtbar und stammt zu einem großen Teil aus anderen Quellen, zum Beispiel dem Abrieb von Pkw- und Lkw-Reifen. Das Hauptproblem ist die Ressourcenvergeudung durch massenhaft in Verkehr gebrachte Billigkunststoffe mit einem ganzen Chemikalienzoo an Zusätzen. Doch zu deren Lösung trägt die gesamte „Abfallstrategie“ der EU kaum etwas bei.

Dramatische Entwicklung seit Beginn des „Plastikzeitalters“

Tatsache ist: Die Abfallmengen wachsen weltweit, sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern, und zwar nicht nur bei Kunststoffen, dort aber ganz besonders. Seit dem Beginn des „Plastikzeitalters“ in den 1950er Jahren sind weltweit rund acht Milliarden Tonnen Kunststoffe hergestellt worden. Derzeit beläuft sich die globale Jahresproduktion auf knapp 400 Millionen Tonnen – das entspricht in etwa dem Gewicht von zwei Dritteln der heute auf der Welt lebenden Menschen. Experten schätzen: Die Produktionsmenge könnte sich ohne Kurskorrektur bis 2050 vervierfachen.

Folgen der Abfallflut sind auch jenseits der Bilder von den weltweit fünf Ozeanstrudeln und den an ihrem Kunststoffmenü krepierten Seevögeln, Schildkröten und Walen dramatisch. Vor allem in den Entwicklungsländern. Ungesicherte Mülldeponien kontaminieren Trinkwasser, brennender Müll verschmutzt die Atemluft, Abfall verstopft Abwasserkanäle, dabei steigen die Überflutungsgefahren.

„Die Vermüllung des Planeten ist ein ebenso dramatisches Signal wie der Klimawandel. Die Abfallflut steht sinnbildlich dafür, dass die Menschheit die ökologischen Grenzen des Globus sprengt.“

Die Vermüllung des Planeten ist ein ebenso dramatisches Signal wie der Klimawandel. Die Abfallflut steht sinnbildlich dafür, dass die Menschheit die ökologischen Grenzen des Globus sprengt. Die Wissenschaft spricht bereits vom „Anthropozän“, jenem Erdzeitalter, in dem der Mensch zum bestimmenden Faktor auf der Erde geworden ist – etwa durch Klimawandel, Bodenerosion und Vernichtung von Urwäldern. Doch im Wortsinne plastisch wird das Anthropozän, wenn man es als Abfall-Ära begreift. Geologen werden noch in Tausenden von Jahren den Beginn dieses Erdzeitalters leicht bestimmen können – anhand der Plastikfragmente, die sich in den letzten 70 Jahren praktisch überallhin ausgebreitet haben, bis in die Arktis und auf den Himalaya.

Abfall in neuen Dimensionen

Seit jeher produziert der Mensch Abfall. Zum Problem wurde das erst, als er während der neolithischen Revolution als Ackerbauer sesshaft wurde und dann immer größere Siedlungen entstanden. Im heutigen Nahen Osten gab es die ersten Müllberge, die – weil der Platz irgendwann nicht mehr reichte – in Schichten aufeinandergepackt wurden. Die Türkei, der Libanon und Syrien sind voll von den Resten solcher Siedlungshügel, die „Tell“ genannt werden – berühmtestes Beispiel: Troja. Auch für New York haben Archäologen herausgefunden, dass der Straßenhorizont von Manhattan heute knapp zwei Meter höher liegt als vor 350 Jahren – der „Big Apple“ ist auf Abfall und Bauschutt entstanden.

„Bei den Rohstoffen ist wie beim Thema Klimaschutz eine radikale Trendwende nötig. Abfälle müssen in der Produktion, beim Konsum und im Abfallmanagement drastisch reduziert werden.“

Doch inzwischen ist das Müllproblem in neue Dimensionen hineingewachsen – weil die Zahl der Menschen exponentiell steigt, der ressourcenintensive Lebensstil der altindustrialisierten Länder weltweit kopiert wird und der „moderne“ Abfall zudem Schadstoffe enthält, die in der Biosphäre eigentlich nichts zu suchen haben. Dabei macht Plastik weltweit „nur“ zwölf Prozent des gesamten Abfalls aus. Der Rest ist anderer Müll verschiedenster Art – vom Zigarettenstummel in der Straßenrinne über Metalle und Rohstoffe wie seltene Erden, die wertvoll sind und doch weggeworfen werden, bis zu gefährlichem Gift- und Atommüll. Auch Industriemüll in Form von Schlacken, Gips oder Silberfolien wird zu einem immer größeren Problem. Besonders der durch die Digitalisierung rasant wachsende Elektroschrott hat es in sich. Er ist schwer zu recyceln und enthält unter anderem giftige Stoffe wie Quecksilber oder Blei.

IN DIESEM BEITRAG

 

1. Die LAGE
Wo wir stehen und warum die EU-Regelung zum Einwegplastik bei weitem nicht ausreicht.

 

2. DIE AUSSICHT
Wie die Menschheit sich immer schneller ihrer eigenen Lebensgrundlage berauben wird.

 

3. DIE VISION
Welche Lösungsansätze es gibt, dem gigantischen Abfallproblem nachhaltig beizukommen.

Eine weiteres, wenig beachtetes Problem ist, dass ein Teil des Abfalls den Treibhauseffekt direkt verstärkt – Kältemittel aus alten Kühlschränken zum Beispiel, die oftmals nicht korrekt entsorgt werden, oder Isolierschäume, die mit klimagefährlichen Gasen aufgeschäumt wurden. Selbst organischer Müll wirkt als Klimawandel-Turbo, wenn er mit anderem Abfall auf Mülldeponien vergraben wird und dabei unter anaeroben Bedingungen das Treibhausgas Methan entsteht.

Gigantische Verschwendung von Rohstoffen

Umweltforscher haben die moderne Produktionsweise als gigantische Rohstoffverschwendungsmaschine beschrieben, bei der quasi als Nebeneffekt Produkte oder Dienstleistungen „abfallen“. In den Industrieländern werden jährlich pro Kopf annährend 100 Tonnen nicht erneuerbare Rohstoffe eingesetzt, so der kürzlich verstorbene Ressourcenexperte und frühere Vizechef des Thinktanks Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, Friedrich Schmidt-Bleek. Das ist etwa 30 bis 50 Mal mehr als in den ärmsten Ländern der Erde üblich.
Ökologisch wird das vor allem zum Problem, weil im Durchschnitt mehr als 90 Prozent der in der Natur bewegten und entnommenen Ressourcen auf dem Weg zur Erzeugung von Produkten und nach deren Gebrauch zu Müll degenerieren. Die Recyclingquoten sind gering. Selbst in der hoch entwickelten europäischen Wirtschaft zum Beispiel werden lediglich 13 Prozent der Ressourcen im Kreislauf geführt, weltweit sind es gar nur sieben Prozent.

Materialien besser ausnutzen, lautet die Devise

Der Schlüssel, um den zu hohen Rohstoffverbrauch und damit auch die Abfallströme einzudämmen, liegt in einer höheren Ressourcenproduktivität – also einer besseren Ausnutzung der Materialien, um die benötig­ten Dienstleistungen zu erbringen. Weltweit muss die Ressourcennutzung Schmidt-Bleek zufolge mindestens halbiert werden. In den Industrieländern erfordert das eine Verminderung sogar auf ein Zehntel des bisherigen Niveaus („Faktor 10“). Konzepte dafür gibt es in vielen Bereichen – im Verkehr kann zum Beispiel der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad für den jeweiligen Weg mehr als diese Einsparung bringen. Konsequent umgesetzt werden diese Konzepte bisher jedoch nicht, unter anderem, weil die Rohstoffpreise zu niedrig liegen und nicht die „ökologische Wahrheit“ (Ernst Ulrich von Weizsäcker) sagen. In Deutschland ist der Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch in den letzten Jahren sogar wieder gestiegen.

„Der Verbraucher ist gefragt. Er kann mit seinem Kaufverhalten durchaus Einfluss auf den Ressourcenverbrauch nehmen – lang­lebige Produkte statt ‚fabrikneuen Sperrmülls‘ kaufen.“

Bei den Rohstoffen ist wie beim Thema Klimaschutz eine radikale Trendwende nötig. Abfälle müssen in der Produktion, beim Konsum und im Abfallmanagement dras­tisch reduziert werden. Ein öko-intelligentes Produktdesign kann eine Kreislaufführung auf hohem Niveau ermöglichen. Die Ökodesign-Richtlinie der EU hat bisher aber nur die Energieeffizienz im Blick, in Zukunft muss auch auf Materialeffizienz, Lebensdauer, Recycelfähigkeit und Reparierbarkeit geachtet werden. Nötig sind eine spürbare Besteuerung von Rohstoffen, ein konsequentes Recycling und veränderte Konsumgewohnheiten.

Leasen statt kaufen

Ein wichtiger Hebel können auch neue Geschäftsmodelle sein, bei denen Produkte, wie zum Beispiel Haushaltsgeräte, nicht mehr verkauft, sondern für eine bestimmte Nutzungsdauer verleast werden. Vorteil: Die Hersteller bleiben Eigentümer ihrer Produkte und designen sie daher so, dass sie optimal wiederverwertbar sind. Ziel ist eine praktisch geschlossene Kreislaufwirtschaft. Doch auch der Verbraucher ist gefragt. Er kann mit seinem Kaufverhalten durchaus Einfluss auf den Ressourcenverbrauch nehmen – langlebige Produkte statt „fabrikneuen Sperrmülls“ kaufen, Tauschbörsen etwa für Möbel, Kleider oder Werkzeuge nutzen, zum Einkaufen Taschen, Körbe oder Rucksäcke nehmen und, wo möglich, unverpackte Produkte kaufen.

Um die akute Plastikkrise zu lösen, muss jedoch noch mehr geschehen. Experten halten das spektakulärste Problem, die weitere Vermüllung der Meere, grundsätzlich für lösbar. Voraussetzung wäre der Aufbau funktionierender Sammel- und Recyclingsysteme für den Plastikabfall in Entwicklungsländern – in den armen Staaten werden der Weltbank zufolge bisher rund 90 Prozent des Abfalls einfach weggeworfen oder ungeordnet verbrannt. Der Großteil des Kunststoffmülls in den Ozeanen gelangt von asiatischen und afrikanischen Ländern wie China, Indonesien, den Philippinen, Ägypten und Nigeria über nur zehn große Flüsse weltweit dorthin – und könnte durch solche Maßnahmen ferngehalten werden. Den Müll nachträglich aus den Meeren zu holen, gilt dagegen als schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Leider ist das Problembewusstsein bei den Haupt-Vermüllern noch zu gering, auch wenn es ermutigende Beschlüsse gibt. Indien zum Beispiel hat das Verbot von Einwegplastik ab 2022 beschlossen, Kenia die Plastiktüte aus dem Verkehr gezogen, Israel die Menge der Plastiktüten im Meer halbiert. Doch von den großen Problemländern haben sich nur Indonesien und die Philippinen der 2017 von den UN gestarteten Kampagne „Clean Seas“ angeschlossen. Das zeigt: Es braucht noch einiges an Aufbauarbeit, bevor beim Plastik ein Bewusstseinsstand wie in der Klimafrage erreicht ist.

Verbindliche internationale Regeln als Ziel

Trotzdem muss das Ziel sein, einen internationalen, völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu verabschieden, der die Regierungen verpflichtet, die Umweltverschmutzung durch Plastik zu beseitigen. Und das nicht nur in den Meeren. Plastik vermeiden und mehrfach verwenden und eine geschlossene Plastik-Kreislaufwirtschaft etablieren, lauten die Stichworte. Der Berliner Experte Nils Simon hat dazu einen Vorschlag vorgelegt, der sich am Pariser Klimaabkommen orientiert – eine Konvention mit einem verbindlichen, übergreifenden Ziel, kombiniert mit nationalen Aktionsplänen. Diese Idee voranzubringen, wäre eine lohnende Aufgabe, nicht zuletzt für die EU. Sie hat ja auch schon beim internationalen Klimaschutz-Regime eine Vorreiterrolle übernommen.

aus akzente 2/19

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