Fokus: Afrika

Kontinent im Umbruch

Afrika hat großes Potenzial – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Doch wie kann es seine Vorteile nutzen? Bildung, Kampf gegen Korruption und Diversifizierung der Wirtschaft, lauten einige der Antworten.

Text: 
Bettina Rühl

Inmitten der Ruinen steht ein Neubau mit strahlend weißer Fassade und metallisch glänzenden Eingangssäulen. Zwei Bewaffnete und ein Schlagbaum an der Straße Richtung Altstadt sollen das gerade fertiggestellte Einkaufszentrum in Mogadischu schützen. Das historische Viertel der somalischen Hauptstadt ist nach 26 Jahren Krieg zu weiten Teilen zerstört. Die „Mogadischu Mall“ mit ihrem riesigen roten Namensschild auf dem Dach sticht von weitem heraus.

Tradition trifft Moderne: Fischerboote vor der Skyline von Daressalam in Tansania.

Tradition trifft Moderne: Fischerboote vor der Skyline von Daressalam in Tansania. (Foto: Getty Images/Collection Mix: Subjects RF)

„Es war sehr mutig von den Investoren, hier eine solche Mall zu finanzieren“, sagt der 32-jährige somalische Bauunternehmer Abdourahman Nour, der das Einkaufszentrum errichtet hat. Denn Somalia ist vom Frieden immer noch weit entfernt. Die Gefahr, dass Attentäter die neue Mall gleich wieder in die Luft jagen, ist groß. Die islamistische Al-Shabaab-Miliz bekämpft weiterhin die Regierung und alles, was in ihren Augen unislamisch ist. Bei ihren regelmäßigen Anschlägen lassen die Terroristen mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge auf öffentlichen Plätzen explodieren – mit verheerenden Folgen und oft vielen Toten und Verletzten. Doch Hunderte oder sogar Tausende Rückkehrer aus aller Welt lassen sich davon nicht schrecken. In den Straßen von Mogadischu wird Englisch mit den unterschiedlichsten Akzenten gesprochen. Die Rückkehrer sind nicht nur die treibende Kraft hinter vielen Investitionen, sondern auch im politischen Leben allgegenwärtig. Sie sind es, die dem kriegszerstörten Land Hoffnung geben.

Rückkehr in die "Silicon Savannah"

Die meisten von ihnen haben ihre Ausbildung als Flüchtlinge in Europa oder anderen entwickelten Regionen erhalten. Der somalische Unternehmer Abdourahman Nour etwa: Er war 13 Jahre lang im Exil, studierte Wirtschaftswissenschaften in Malaysia, lebte in Dubai und Kenia, immer auf der Flucht vor dem Krieg in seiner Heimat. Im Herbst 2011 kehrte er nach Mogadischu zurück. „Ich konnte nicht länger im Ausland bleiben“, sagt der junge Bauunternehmer. „Wenn wir unsere Heimat nicht aufbauen, wird das kein anderer tun.“ Nour ist schlank und hochgewachsen, zupackend und aufgeschlossen zugleich. In seiner Firma namens Target Group beschäftigt er inzwischen rund 50 feste Mitarbeiter und je nach Auftragslage etliche Tagelöhner. „Wir bauen Häuser und liefern alles bis zur Inneneinrichtung“, erklärt Nour. „Außerdem sind wir als Vermittler für ausländische Unternehmen tätig, zum Beispiel für eine türkische Firma, die Generatoren verkauft, und für ein spanisches Unternehmen, das Solaranlagen vertreibt.“ Weil jeder, der Geld verdient, zwei bis drei Familien versorgt, ernähren die Festangestellten etwa 600 Menschen. Und Nour ist nur ein Beispiel unter vielen in Somalia.

In weiter entwickelten Ländern wie Ghana, Nigeria, Kenia oder Ruanda gliedern sich die Rückkehrer in Gesellschaften ein, die auch technologisch im Aufbruch sind. Dabei kopieren sie längst nicht mehr nur westliche Technologien, sondern entwickeln eigene Lösungen. In Kenia gibt es dafür etliche Beispiele in der Informationstechnologie und der mobilen Kommunikation – nicht umsonst hat die Hauptstadt Nairobi den Spitznamen „Silicon Savannah“.

Gebildet und weltläufig, ein neuer Typ Unternehmer

Zu den Tech-Schmieden, die dort ansässig sind, gehört zum Beispiel die Firma MicroClinic Technologies von Moka Lantum. Der Mediziner und Unternehmer wurde in Kamerun im Westen Zentralafrikas geboren. Er lebte fast zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten und erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Irgendwann beschloss er, nach Afrika zurückzugehen, um die Gesundheitsversorgung dort zu verbessern, und zwar mit mobiler und digitaler Technologie. Lantum ist der Prototyp des zeitgenössischen afrikanischen Unternehmers: gut gebildet, weltläufig, gewinnorientiert, mit einem ausgeprägten Gefühl sozialer Verantwortung. Ihm hätte der Rest der Welt offengestanden, aber Lantum entschied sich für Afrika: weil er dort die besten Möglichkeiten sah und am meisten Nutzen stiften kann.

Lantum hat mit seiner Firma mittlerweile zwei Apps entwickelt. Dabei geht es um bezahlbaren Zugang zu medizinischer Versorgung und zuverlässigen Medikamenten. Seine erste App ZIDI ist für Kliniken und Gesundheitszentren gedacht, die zweite für Patienten und Verbraucher. ZIDI hilft dem medizinischen Personal dabei, die richtige Diagnose zu finden: Gibt man die Symptome ein, erscheinen die möglichen Ursachen. Ist das richtige Medikament ausgewählt, zeigt die App an, wo es gerade zu welchem Preis vorrätig ist. „So müssen der Patient oder seine Angehörigen nicht lange herumfahren und suchen.“ Sie sparen Geld und Zeit, die vielleicht sogar Leben retten kann.

„Ich träume von einem Afrika, das mit sich im Reinen ist.“

Nelson Mandela, südafrikanischer Freiheitsheld (1918–2013)

Neben der in Kenia, Ruanda und einigen anderen Ländern boomenden Informationstechnologie gibt es auch in der analogen Wirtschaft deutliche Fortschritte. Einige Regierungen fördern bewusst neue Infrastruktur. In Kenia heißt das Programm „Vision 2030“. Mehrere ehrgeizige Infrastrukturprojekte für geschätzte Gesamtkosten von rund 24,5 Milliarden US-Dollar gehören dazu: ein neuer Hafen, ein Flughafen, eine Eisenbahnlinie, Straßen und eine Erdölpipeline. Äthiopien, Südsudan und Uganda sollen sich nach Wünschen der Kenianer an dem Bau einer Eisenbahnlinie und der Pipeline beteiligen. Allerdings belasten politische Konflikte und Finanzierungslücken das Vorhaben derzeit, so dass es zunehmend Kritik erntet.

Andere Projekte sind schon weiter gediehen und manche davon beeindruckende Erfolgsgeschichten. Dazu gehört in Kenia die Geothermie. Bislang hat nur einer von drei Einwohnern einen Anschluss ans Stromnetz. Stromausfälle sind derart normal, dass der Energieversorger Kenya Power es nicht für ehrenrührig hält, auf seiner Internetseite die geplanten „Power Interruptions“ aufzulisten. Um die Stromversorgung zu stabilisieren, setzt das Land verstärkt auf Erdwärme. In Kenia wird sie seit Jahren erfolgreich in Energie umgewandelt, durch Kraftwerksturbinen, die mit extrem heißem Wasserdampf angetrieben werden, der aus der Erdkruste quillt. Das ist eine moderne und saubere Form der Energiegewinnung, bei der Kenia international zu den führenden Nutzern zählt und seine Kapazitäten stetig steigert – bis 2020 auf das Dreifache. Das wird auch der Wirtschaft nutzen.

Unabhängiger werden von Importen

Äthiopien setzt künftig ebenfalls stärker auf Erdwärme. Das Land, das noch immer zu den ärmsten der Erde gehört, wächst mit zweistelligen Steigerungsraten wirtschaftlich seit einigen Jahren so schnell wie kaum ein anderes auf der Welt. Und die Regierung hat weitere Pläne. In den nächsten zwei Jahren will sie einen Industriepark für Pharmaunternehmen und Medizintechnikhersteller etablieren. Das soll die inländische Pharmaindustrie stärken und ausländische Unternehmen anlocken. So will das Land seine Abhängigkeit von Importen vermindern. Derzeit werden nach Schätzung des äthiopischen Industrieministeriums bis zu 85 Prozent der Arzneimittel und der medizinischen Ausrüstung importiert.

54 Länder gibt es in Afrika. Zum Vergleich: Latein­amerika besteht inklusive der karibischen Inselstaaten aus 33 Ländern.Afrika misst rund 30 Millionen km2, Lateinamerika etwa 19 Millionen km2.

Der Aufbruch in Afrika zeigt sich nicht nur an Großprojekten. Immer mehr Afrikaner haben den Mut, in Arbeitsplätze zu investieren, etwa in der verarbeitenden Industrie. Wie der togoische Jungunternehmer Adamas Koudou: Der 31-Jährige redet so schnell, als müsse er seinen Ideen mit Worten hinterhereilen. In der rechten Hand hält er zum Beweis einen Teebeutel hoch. „Wer sich nicht anstrengt, stirbt“, sagt der junge Unternehmer. „Wir müssen etwas tun, haben keine andere Wahl.“

Fruchtbares Afrika: Bei höherer Produktivität könnten die Ernten noch viel reicher ausfallen. Hier trägt eine Kenianerin frischen Spinat.

Fruchtbares Afrika: Bei höherer Produktivität könnten die Ernten noch viel reicher ausfallen. Hier trägt eine Kenianerin frischen Spinat. (Foto: Getty Images/E+)

Koudou steht im Wohnzimmer eines Bungalows am Rand von Togos Hauptstadt Lomé. Der große Raum ist leer bis auf eine schwarze Plastikplane. Auf ihr trocknen Samen des Kinkéliba-Baumes. Zum Schutz vor einem Windstoß, der die Samen im ganzen Zimmer verteilen könnte, hat er auf der Seite stehende Tische rund um die Plane geschoben. Die ungewöhnliche Anordnung ist das Herz von Koudous Unternehmen Bio-Afrique. Mit einem Startkapital von gerade einmal 2.000 Euro aus einem staatlichen Fonds zur Förderung junger Unternehmer baute er ab November 2013 seine Firma auf. Im folgenden Februar brachte er den ersten Teebeutel aus getrockneten Kinkéliba-Samen auf den Markt. Der Tee wird hauptsächlich medizinisch genutzt, etwa bei Fieber und Leberkrankheiten.

Die Devise lautet: selbst aktiv werden

Das Getränk schmeckt herb, leicht bitter und verkauft sich derzeit vor allem in Togo. Inzwischen beschäftigt Koudou rund 25 Angestellte: in der Produktion, in der Verwaltung, im Vertrieb. Die Idee zur Teeproduktion kam ihm, als er sich nach seinem Diplom in Wirtschaftsmanagement das Hirn zermarterte, womit er sein Geld verdienen könnte. Nach etlichen Absagen war ihm klar: „Wenn ich keinen Arbeitsplatz finde, muss ich selbst welche schaffen.“ Und das hat er ganz konsequent getan.

Deutliche Fortschritte in Afrika sind nicht zu übersehen. Allerdings wurde der Aufwärtstrend der afrikanischen Wirtschaft eine Weile überschätzt. Unternehmensberater und Banken verwendeten das Schlagwort „Africa rising“. Untermauert wurden die optimistischen Prognosen mit makroökonomischen Wirtschaftsdaten, die seit dem Jahrtausendwechsel in vielen Ländern südlich der Sahara tatsächlich beeindruckend waren. Zwischen 2000 und 2015 stieg das Bruttoinlandsprodukt in der Region real um durchschnittlich rund 5,3 Prozent. Subsahara-Afrika wuchs in dieser Zeit stärker als die Industriestaaten. Doch mit dem Einbruch der Weltmarktpreise für Erdöl und andere Rohstoffe wurde deutlich, was Skeptiker schon früher angemerkt hatten: dass sich die Zuwachsraten vor allem durch Rohstoffexporte und deren – damals noch – hohe Preise auf dem Weltmarkt erklärten. Jetzt hat sich der Trend abgeschwächt, aber für die kommenden Jahre erwartet der Internationale Währungsfonds wieder Besserung.

„Afrika braucht keine starken Männer. Es braucht starke Institutionen.“
Barack Obama, ehemaliger US-Präsident

Allerdings sind die Einkommen in den Ländern, in denen sie besonders deutlich stiegen, besonders ungleich verteilt. Trotzdem hat sich die Gesamtsituation auch für die Ärmsten in den vergangenen Jahren verbessert: Zur Jahrtausendwende lebten noch fast zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, jetzt sind es nur noch gut 40 Prozent.

Auch bei der Bildung – wichtige Voraussetzung, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen – hat Afrika seit der Jahrtausendwende deutliche Fortschritte gemacht. Zwar besuchen noch in keinem Land des Kontinents alle Kinder eine Grundschule, doch hat sich deren Zahl seit damals von gut 60 auf fast 160 Millionen mehr als verdoppelt; die Quote liegt inzwischen bei rund 80 Prozent. Bei den weiterführenden Schulen gibt es ebenfalls Positives zu vermelden: Keine Region der Welt hat hier nach Angaben der UNESCO so große Sprünge gemacht wie Afrika, allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Immer noch können weniger als die Hälfte aller Grundschüler ihren Bildungsweg auf einer weiterführenden Schule fortsetzen. Ähnlich sieht es dann später bei den Universitäten aus, so dass weiterhin großer Nachholbedarf besteht – trotz einer beeindruckenden Entwicklung in den letzten beiden Jahrzehnten.

Volkswirtschaften oft einseitig aufgestellt

Allerdings kann sich der insgesamt positive Trend Afrikas auch wieder umkehren, die Länder müssen weiterhin hart daran arbeiten, bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Ein Manko sind nach wie vor die wenig diversifizierten Volkswirtschaften in vielen Ländern: Neben dem Export von Rohstoffen leben immer noch fast zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung von der Bestellung ihrer Felder. Doch trotz der großen Bedeutung der Landwirtschaft haben viele Länder ihre Agrarbudgets in den vergangenen Jahren reduziert. Auch die internationalen Unterstützungsleistungen sind immer geringer ausgefallen. Hier setzt das „Comprehensive Africa Agriculture Development Programme“ an, das 2003 von der Afrikanischen Union (AU) und der Neuen Partnerschaft für Afrikas Entwicklung ins Leben gerufen wurde. Das Programm will Investitionen in den Sektor und eine in sich schlüssige Agrarpolitik fördern. Ein jährliches landwirtschaftliches Wachstum von mindestens sechs Prozent in den AU-Mitgliedsstaaten ist das Ziel. Davon ist die Realität noch weit entfernt, aber immerhin ist das Problembewusstsein vorhanden.

2.140 Sprachen gibt es in Afrika.  Allein Kamerun zum Beispiel hat 230 Sprachen. Die vielen Idiome sind Ausdruck großer kultureller Vielfalt.

Deutschland unterstützt das Umdenken und Inves­titionen in die Landwirtschaft. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat dafür in 13 Partnerländern „Grüne Innovationszentren“ ins Leben gerufen. Mit deren Hilfe sollen Innovationen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft gefördert und dadurch die regionale Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessert werden. Dafür stellt das BMZ bis Ende 2019 fast 140 Millionen Euro bereit.

Vielerorts werden die wirtschaftlichen Fortschritte von einer positiven politischen Entwicklung begleitet. Zu den besten Nachrichten der vergangenen Monate gehören die Ereignisse im westafrikanischen Gambia, dem kleinsten Staat des afrikanischen Festlands. Die eigene Bevölkerung hat den langjährigen Präsidenten Yahya Jammeh abgewählt, der diktatorisch regiert hatte. Jammeh räumte seinen Posten jedoch erst, als die Präsidenten der Nachbarstaaten massiven Druck ausübten. Nach zähem Ringen musste er im Januar 2017 ins Exil gehen. Dass afrikanische Präsidenten zum ersten Mal einen der Ihren zur Machtaufgabe zwangen, zeigt: Das politische Klima wandelt sich. Bei den Mitgliedern von ECOWAS, der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, verliefen die Machtwechsel seit 2010 demokratisch und friedlich: in Guinea, Niger, im Senegal, in Mali, in Guinea-Bissau, in Nigeria und zuletzt in Benin.

Soziale Protestbewegungen

Politisch bemerkenswert ist außerdem die neue Bedeutung von Jugendorganisationen und sozialen Protestbewegungen. Im Kongo zum Beispiel hat die Jugendorganisation „Lucha“ („Kampf für die Veränderung“ – „Lutte pour le changement“) bei den Protesten gegen eine dritte Amtszeit von Präsident Joseph Kabila eine wichtige Rolle gespielt. Die Gründer der Bewegung „Lucha“ erklären ihr Engagement auch mit der besonders prekären Lage der Jugend: Rund 90 Prozent der jungen Leute sind arbeitslos. Statt sich einer der vielen bewaffneten Gruppen im Osten des Kongo anzuschließen oder die Flucht nach Europa anzutreten, wollen sie ihre Heimat mit friedlichem Protest, also mit politischen Mitteln verändern. Dass die Verfassung eingehalten wird und Präsident Kabila turnusgemäß abtreten sollte, gehört zu ihren dringendsten Forderungen.

Kämpferisches Afrika: Gambia hat seinen langjährigen Präsidenten Yahya Jammeh abgewählt und aus dem Amt getrieben.

Kämpferisches Afrika: Gambia hat seinen langjährigen Präsidenten Yahya Jammeh abgewählt und aus dem Amt getrieben. (Foto: Getty Images/Anadolu)

Hartes Vorgehen gegen Kritiker

Andererseits nimmt die politische Repression in etlichen Ländern zu, so in Äthiopien, Burundi und Uganda. Das Vorgehen gegen Kritiker und Presse wird härter. Das gilt vor allem für Äthiopien, das sich – bei starker sozialer Ungleichheit – schnell entwickelt, jedoch um den Preis einer autoritären Herrschaft und heftiger politischer Unruhen. Äthiopien ist trotz einer massiven Dürre 2016 der Wachstumsmotor der Region und ein enger Verbündeter des Westens im Kampf gegen Terror. Doch im Herbst 2016 kamen Hunderte Menschen bei Protesten ums Leben, die Regierung rief den Ausnahmezustand aus, die Stabilität des Landes ist in Gefahr.

Das gilt aus ganz anderen Gründen auch für Mali. Dort bedrohen islamistischer Terrorismus und massiver Drogenschmuggel den Zusammenhalt des Staates, woran auch eine UN-Mission, an der sich die Bundeswehr beteiligt, bisher noch nicht viel ändern konnte. In Malis Nachbarstaaten ist die Lage ebenfalls besorgniserregend, Terrorgruppen und Schmuggler machen an Landesgrenzen nicht halt.

Die Frage, wie es Afrika heute geht, ist daher nicht eindeutig zu beantworten. Viele Länder stehen vor einer Weichenstellung. Vor allem wirtschaftlich, aber zum Teil auch politisch sind Grundlagen gelegt, die zu einem nachhaltigen Aufstieg führen könnten. Unumkehrbar ist diese Entwicklung jedoch nicht. Bei den Wachstumsraten hat sich gezeigt, dass sinkende Weltmarktpreise die wirtschaftliche Entwicklung vieler Staaten ausgebremst haben. Eine kluge Wirtschaftspolitik kann gleichwohl verhindern, dass sich die bisherigen Erfolge in Luft auflösen. Genau darauf zielt der „Marshallplan mit Afrika“ ab, den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller im G7-Rahmen auflegen möchte. Er soll die positive Entwicklung des Kontinents fördern und festigen.

"Ein schlafender Riese"

Im Kern geht es um eine wirtschaftliche Kooperation, die mehr auf Eigeninitiative der afrikanischen Staaten setzt und die Geber-Nehmer-Mentalität ablöst. Die Rahmenbedingungen für private Investitionen aus Industriestaaten sollen verbessert werden. Denn Jobs schaffen auf Dauer nicht Staaten, sondern private Unternehmen. Zugleich sollen Länder, die Korruption bekämpfen, Steuersysteme aufbauen und in bessere Bildung investieren, mehr Mittel erhalten als andere.

Das ist auch deshalb so wichtig, weil die wirtschaftlichen Unterschiede auf dem Kontinent größer werden, und zwar sowohl zwischen den Staaten als auch innerhalb der einzelnen Länder. Umso entscheidender ist es, die Chancen des Kontinents fest in den Blick zu nehmen und gezielt zu nutzen. Die Möglichkeiten sind in jeder Hinsicht groß. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan beschrieb seinen Heimatkontinent vor einigen Jahren sogar mit den Worten: „Afrika ist ein schlafender Riese, gerade dabei zu erwachen.“ Dass er nun nicht zurückfällt in ein wirtschaftliches und politisches Koma, darin liegt die große Aufgabe – vor allem der afrikanischen Staaten selbst.

aus akzente 2/17

 

Aus der Arbeit der GIZ

Die Aufgaben der GIZ in Afrika – so facettenreich und vielfältig wie die 54 Staaten des Kontinents

Die GIZ ist in fast allen Ländern Afrikas tätig. Im Jahr 2016 arbeiteten 4.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran, Aufträge im Wert von 936 Millionen Euro umzusetzen. Ein wichtiges Ziel ist es, im Auftrag der Bundesregierung eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und bessere Lebensperspektiven zu fördern. Das gelingt zum Beispiel durch Projekte, in denen junge Menschen Berufe mit guten Beschäftigungschancen erlernen. Ebenso werden Bauern in der effizienteren Bewirtschaftung ihrer Felder fortgebildet - ein Beitrag gegen Hunger und Unterernährung. Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels, etwa durch den Bau von Bewässerungsanlagen, ist ebenso ein Schwerpunkt wie der Ausbau der Gesundheitsinfrastruktur. So bekamen zwischen 2010 und 2015 zwölf Millionen Menschen in Afrika eine Krankenversicherung. Das starke Bevölkerungswachstum bleibt eine große Herausforderung. Das gilt auch für die Bildungssysteme. Durch die Arbeit der GIZ erhielten in den Jahren 2010 bis 2015 fast acht Millionen Kinder und Jugendliche eine bessere Schulbildung.

„To make Africa a better place“, so lautet das Ziel all dieser Bemühungen. Dafür sind neben den jeweiligen Regierungen nationale und internationale Unternehmen Partner der GIZ. Für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung müssen aber auch die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen stimmen. Daher unterstützt die GIZ in fast allen Einsatzländern Projekte zu guter Regierungsführung. Rechtssicherheit fördert erwiesenermaßen das Investitionsklima. Außerdem profitierten zwischen 2010 und 2015 rund 23,6 Millionen Afrikaner von mehr politischer Mitbestimmung.

Zugang zu Elektrizität ist in vielen Staaten Afrikas weiterhin alles andere als selbstverständlich. Es fehlen Leitungen und Kraftwerke. In Kenia zum Beispiel, wo rund 46 Millionen Menschen leben, ist nur jeder dritte Haushalt ans Stromnetz angeschlossen. Auf dem Land sind es noch weniger. Dort fördert die GIZ zusammen mit der KfW im Auftrag der Bundes- und der britischen Regierung den Bau von Solar-Hybrid-Dorfstromanlagen. Für die wenigen Tage ohne Sonne gibt es einen Dieselgenerator. Meis­tens erzeugen Solarmodule den Strom für Handys, Nähmaschinen, Kühlschränke und Glühbirnen. Auf ähnliche Weise wird die Stromversorgung in vielen weiteren Ländern Afrikas gefördert. Im Jahr 2019 sollen rund 19 Millionen Haushalte Zugang zu sauberer Energie haben.

 

BILDUNG IN ÄTHIOPIEN

150.000 Studenten lernen in 13 Hochschulen, deren Bau GIZ International Services im Auftrag des äthiopischen Bildungsministeriums organisiert hat. Studentenwohnheime und Kläranlagen gehörten auch dazu. Lokale Firmen führten die Arbeiten aus. Sie sind nun mit modernen Baustandards vertraut.

 

MIGRATION AM HORN VON AFRIKA

9.000.000 Menschen am Horn von Afrika sind auf der Flucht vor Konflikten. Im Auftrag der EU und des BMZ arbeitet die GIZ daran, sie vor Menschenhandel und Gewalt zu schützen. Die wenigsten von ihnen streben nach Europa. Sie suchen eine Perspektive nahe der Heimat.

 

BESSERER ANBAU IN 14 LÄNDERN

10.000.000 Menschen profitieren davon, dass die GIZ mit hundert Partnerorganisationen den Anbau von Kakao, Cashewnüssen, Baumwolle und Reis in 14 afrikanischen Ländern verbessert. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die Wirtschaft und das BMZ geben dafür 235 Millionen Euro.

 

APP GEGEN KORRUPTION IN NIGERIA

2.225 Vorfälle wurden seit 2014 mit Hilfe einer App, die die GIZ entwickelt hat, auf Nigerias Straßen gemeldet: Korrupte Beamte halten Händler auf, um Bestechungsgeld zu verlangen – oft verbunden mit Gewalt. Die App gegen rechtswidrige Kontrollen entstand im Auftrag des BMZ.
Weitere Beiträge zum Schwerpunkt: 
Mehr auf giz.de: