Porträt

Jung, weiblich, afghanisch, Chefin

Vor kurzem wäre dieses Bild kaum vorstellbar gewesen: Eine Afghanin leitet ein Ausbildungsinstitut für Lehrkräfte in einer nordöstlichen Provinz am Hindukusch. Angiza Ghanizada ist die erste Frau auf diesem Posten.

Text und Fotos: 
Marian Brehmer

Auf dem Schreibtisch vor Angiza Ghanizada steht die Miniaturfigur eines Löwen. Das Symbol für Stärke passt zu ihr. Die 33-Jährige strahlt eine natürliche Autorität aus, blickt ihrem Gegenüber selbstbewusst in die Augen. Sie hat es auf den begehrten Posten im zentralen Bildungsinstituts für Lehrkräfte der Provinz Badachschan im Nordosten Afghanistans geschafft. Dafür musste sie sich gegen eine große Konkurrenz durchsetzen – vor allem Männer. Landesweit waren sechs Führungsstellen in Lehrinstituten ausgeschrieben. „200 hatten sich dafür beworben“, erinnert sie sich. „Ich wusste, dass ich diese Gelegenheit nicht verpassen durfte. Ich wollte meinen Landsleuten zeigen, dass eine Frau eine große Lehranstalt leiten kann.“ Und sie hat es geschafft.

 

Das Ausbildungsinstitut für Lehrkräfte in Faizabad im Nordosten Afghanistans

Seit 2019 führt die Pädagogin das Kolleg, an dem in sieben Fachbereichen junge Afghaninnen und Afghanen zu Lehrkräften ausgebildet werden. Von den mehr als 200 Studierenden sind zwei Drittel Frauen. Neben Fachwissen in persischer Literatur, Englisch, Naturwissenschaften, Mathematik oder islamischer Theologie lernen die jungen Leute auch pädagogisches Handwerk und moderne Didaktik. Die Lehrpläne wurden im Rahmen des GIZ-Programms zur Förderung der Grundschul- und Sekundarbildung erarbeitet. Finanziert wird das Programm vom Bundesentwicklungsministerium und der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).

Zur Schule mit dem Floß

Angiza Ghanizada wuchs in Faizabad auf. Die Hauptstadt der Provinz Badachschan liegt inmitten von Bergen. Der rauschende Koktscha-Fluss befördert Gletscherwasser durch das überschaubare Stadtzentrum. Die Direktorin erinnert sich noch gut an ihre Schulzeit in den 1990er Jahren: Zum Unterricht ritt sie auf dem Rücken eines Esels, den Fluss musste sie per Floß überqueren. Tauchte der Flößer einen Tag nicht auf, fiel die Schule aus. Die Lehrer waren schlecht ausgebildet, manchmal übernahmen Mullahs aus der Nachbarschaftsmoschee den Unterricht. Bei schlechtem Benehmen kam der Rohrstock zum Einsatz.

Viele Mädchen brechen die Schule ab

„Inzwischen sind die Lehrer viel professioneller“, betont Angiza Ghanizada. In den vergangenen Jahren habe sich viel verändert. „Was natürlich nicht heißt, dass es nicht noch viel zu tun gibt.“ Weiterhin hat Afghanistan eine der höchsten Analphabetenquoten der Welt. Neben den gewaltsamen Konflikten und patriarchalischen Denkmustern hemmt Armut die Bildung vieler Menschen. Besonders Frauen sind betroffen. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) schätzt, dass nur rund 17 Prozent aller erwachsenen Afghaninnen ausreichend lesen und schreiben können. Zudem brechen fast zwei Drittel der Mädchen in Afghanistan im Alter von 13 bis 15 Jahren die Schule ab, hat eine Studie herausgefunden.

„Viele unserer Studierenden stammen aus armen Familien und können es sich nicht leisten, nach ihrer Ausbildung bei uns noch ein Studium an einer Universität aufzunehmen“, sagt Angiza Ghanizada. Wenn sie im Bildungswesen mehr zu entscheiden hätte, würde sie Stipendien für finanzschwache Schülerinnen und Schüler schaffen. Nach der Schule besuchte Angiza Ghanizada das Ausbildungsinstitut, das sie heute leitet. Mit dem Abschluss in der Tasche unterrichtete sie dort vier Jahre lang Mathematik. Anschließend zog sie mit ihren Eltern nach Kabul und arbeitet dort. Acht Jahren später hörte sie in der Hauptstadt von der Ausschreibung in den Provinzen und kehrte in ihre Heimatregion zurück.

 

Souveränes Miteinander: Direktorin Angiza Ghanizada und ein Dozent

Der Anfang auf dem Chefinnenstuhl war nicht leicht. Ihr Vorgänger hatte männliche Lehrkräfte gegen die neue Direktorin aufgestachelt. Doch durch ihr kompetentes Auftreten konnte Angiza Ghanizada auch Widersacher überzeugen. Inzwischen ist der Umgang miteinander ungezwungen und routiniert. Hin und wieder klopfen an diesem Morgen Dozenten mit Vollbart und Turban an die Tür der Chefin. Einer von ihnen trägt einen Stapel Dokumente unter dem Arm. Ghanizada muss die Papiere noch absegnen. Nach einem freundlichen Geplauder rollt die Schulleiterin ihren Stuhl an die Tischplatte, wirft einen prüfenden Blick auf die Blätter und setzt ihre Unterschrift darunter.

Nicht nur in ihrem beruflichen Umfeld setzt Angiza Ghanizada Zeichen. Mit ihrem Gehalt finanziert sie inzwischen die Studiengebühren ihres Mannes. Er hatte keinen Hochschulabschluss und wollte sich gerne besser qualifizieren. Nun studiert er Bauingenieurwissenschaften in Kabul. „Ich habe ihn dazu ermutigt“, sagt Angiza Ghanizada und ist sichtlich stolz, ihrem Ehemann diesen Weg zu ermöglichen.

Kontakt: Dieter Göpfert, dieter.goepfert@giz.de

März 2020