Afghanistan

Das Abc der Sicherheit

Wie die Alphabetisierung von afghanischen Polizist*innen dazu beiträgt, das Land zu stabilisieren. Ein Besuch in der Provinz Bamiyan

Text und Fotos: 
MARIAN BREHMER

Überzogen von einer weiß glitzernden Schneedecke schmücken die Gipfel des Hindukusch-Gebirges den Horizont von Bamiyan. Die Luft ist glasklar an diesem Morgen, der Himmel zeigt ein makelloses Blau. Eine Schotterpiste führt zu den Felsnischen, in denen einst zwei gigantische Buddha-Statuen über die 100.000-Einwohner-Stadt wachten – bis sie die Taliban 2001 mit einer Lkw-Ladung Dynamit zu einem Haufen Geröll sprengten.

 

Lernen während der Arbeitszeit: Die afghanischen Polizistinnen und Polizisten besuchen die Alphabetisierungskurse während ihrer Dienststunden direkt an ihrem Arbeitsplatz.

Heute herrschen in der gleichnamigen Provinz in Zentralafghanistan bessere Zeiten. Bamiyan gilt als eine der stabilsten Regionen des Landes. Nur wenige Gehminuten von den Buddha-Nischen entfernt, im Polizeirevier des ersten Stadtbezirks von Bamiyan, hat die Polizistin Karima Hosseini heute Dienst. Vor dem Eingangstor wartet sie in einem Stahlcontainer auf Besucher*innen. Wer in das Polizeirevier möchte, wird kontrolliert. Hosseini bittet eine alte Frau herein, trägt ihren Namen in ein Registerbuch ein und hält die Uhrzeit fest, auf die Minute genau.

Vor wenigen Jahren hätte Karima Hosseini diese Routineaufgabe noch nicht erledigen können. Wie viele in Bamiyan wuchs sie ohne Schulbildung auf. Heute ist die 33-Jährige Absolventin des Alphabetisierungsprogramms, mit dem die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH im Auftrag des Auswärtigen Amts Polizistinnen und Polizisten fit für ihren Berufsalltag macht. So wurden seit 2015 in der zentralafghanischen Provinz 700 Polizistinnen und Polizisten alphabetisiert. Auf den Grundkurs, in dem es um den Erwerb von Lese-, Schreib- und Rechenkenntnissen geht, folgen weiterführende Klassen. Dort wird vor allem berufsspezifisches Wissen vermittelt: Was ist ein Haftbefehl? Wie erfasst man einen Tatverdächtigen? Welche Rechte hat der Mensch?

 Die Gipfel des Hindukusch-Gebirges am Horizont von Bamiyan, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Zentralafghanistan

Die Gipfel des Hindukusch-Gebirges am Horizont von Bamiyan, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in Zentralafghanistan.

Alles jedoch beginnt mit dem Erlernen des Alphabets. Afghanistan hat rund 36 Millionen Einwohner, 65 Prozent von ihnen gelten als Analphabet*innen. Auch viele Polizeirekrut*innen können nicht lesen und nicht schreiben. Sie kommen häufig aus sozial schwachen Haushalten. Statt zur Schule zu gehen, mussten sie als Kinder arbeiten, um zum Familieneinkommen beizutragen. Gerade Menschen ohne Schulbildung wählen in Afghanistan inzwischen den Beruf. Dafür müssen sie ein hohes Risiko in Kauf nehmen: In vielen Regionen des Landes werden Polizist*innen bei Angriffen der Taliban verletzt oder getötet.

 

„Seit ich lesen kann, bin ich ein anderer Mensch. Ich denke, dass Bildung den Charakter verändert.“

KARIMA HOSSEINI, Absolventin des Alphabetisierungskurses

Karima Hosseini wuchs während des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren auf. Funktionierende Grundschulen waren damals selten. Dann folgte das Taliban-Regime und Bildung für Frauen wurde verboten. Verstieß eine Frau gegen die Regeln der Taliban, erinnert sich Hosseini, wurde sie in Bamiyan auf der Straße verprügelt. Für den Polizeiberuf entschied sie sich vor sieben Jahren. In ihrer Nachbarschaft hatte eine Frau versucht, sich das Leben zu nehmen, weil ihr Ehemann gewalttätig war. Da es keine Polizistinnen gab, an die sie sich hätte wenden können, war die Frau völlig verzweifelt. Einem fremden Mann wollte sich die Nachbarin nicht anvertrauen.

GIZ: Literacy Classes for the Afghan National Police

Den Frauen eine Stimme geben

„Dieses Erlebnis war für mich ein Wendepunkt“, erinnert sich Hos­seini. „Ich wollte den Frauen in Bamiyan eine Stimme geben und ihnen dabei helfen, ihre alltäglichen Probleme zu lösen.“ Als Frau in der Polizei habe sie in der konservativen Kultur Afghanistans zudem einen Vorteil: „Für uns ist es einfacher, Haushalte aufzusuchen, in denen Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung ist. Männer hätten da nicht so einfach Zugang.“ Hosseinis Familie unterstützte ihre Berufswahl, doch im sozialen Umfeld gab es Zweifel. Eine Frau, die nicht in der Küche bleibt, erschien vielen suspekt. Doch über die Jahre stieg das Selbstbewusstsein der Afghanin. „Als ich bei der Polizei anfing, konnte ich noch nicht mal einen Haftbefehl lesen“, erzählt sie. „Seit ich lesen kann, bin ich ein anderer Mensch. Ich denke, dass Bildung den Charakter verändert.“ Nach der Arbeit kann sie jetzt auch ihrem Sohn und ihrer Tochter bei den Hausaufgaben helfen.

Die Polizeistation, in der Hosseini an sechs Tagen von neun bis sechzehn Uhr arbeitet, ist im traditionellen Lehmbaustil von Bamiyan errichtet. Neben dem Kriminalamt, einer Drogenbekämpfungsabteilung und einem Geheimdienstbüro befindet sich im Innenhof auch ein Klassenzimmer, in dem an sechs Tagen die Woche Kurse für die jungen Polizist*innen stattfinden. „Wie verhaltet ihr euch an einem Checkpoint, wenn ihr Fahrzeuge anhalten und Personen durchsuchen müsst?“, fragt Lehrer Abdulwahid Hamta seine Klasse, die aus neun Männern und vier Frauen besteht. Die Wände des Unterrichtsraums sind tapeziert mit Plakaten zu Waffentypen, einer Landkarte von Afghanistan und motivierenden Sprüchen in der Sprache Dari. Ein Schüler mit Militäruniform und Turban streckt seine Hand in die Höhe: „Zunächst sollte ich mich mit Namen vorstellen und erklären, warum wir die Kontrolle durchführen, etwa wenn eine konkrete Anschlagsgefahr besteht.“

 

AFGHANISTAN

 

Hauptstadt: Kabul / Einwohner: rund 35 Millionen / Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: 586 US-Dollar (1) / Wirtschaftswachstum: 2,6 Prozent (2) / Rang im Human Development Index: 168 (von 189)
Quelle: (1, 2) Weltbank 2017

 

 

Lese- und Schreibfähigkeit ist eine Grundvoraus- setzung für professionelle Polizeiarbeit. Die GIZ unterstützt im Auftrag des Auswärtigen Amts die Alphabetisierung in Afghanistan.

www.giz.de
Kontakt: Georg Fritzenwenger, georg.fritzenwenger@giz.de

Tatsächlich ist der respektvolle Umgang mit Zivilist*innen ein Kernpunkt im Spezialcurriculum des weiterführenden Polizeikurses, das die GIZ entwickelt hat. Da afghanische Polizist*innen aufgrund der Sicherheitslage häufig auch militärische Aufgaben erfüllen müssen, wo es um klare Befehle und deren strikte Einhaltung geht, ist ihr Auftreten oft harsch. „Je rücksichtsloser und inkompetenter die Polizei wahrgenommen wird, desto weniger Vertrauen haben die Menschen in sie und damit in den Staat. Wenn sich aber Misstrauen gegenüber dem Staat durchsetzt, haben radikale, bewaffnete Gruppierungen ein leichtes Spiel“, sagt Georg Fritzenwenger, der das Projekt leitet. Eine gut ausgebildete Polizei ist deshalb ein wichtiger Stabilitätsfaktor in dem Land, das in vielen Provinzen im Kampf mit den Taliban-Milizen steht. Bamiyan jedoch ist anderen Regionen voraus: Dank der Stabilität kann sich die Polizei hier auf Bildung konzentrieren.

 Links oben: Die Polizeistation in Bamiyan, die Provinz gilt als stabil. Rechts oben: Die 28-jährige Gulsoom Hosseini koordiniert die Alphabetisierungskurse für ihre Polizeikolleg*innen. Links unten: Karima Hosseini kann jetzt auch ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Rechts unten: Sicherheit geht vor – die Polizistin kontrolliert eine Afghanin am Eingang der Wache.

Links oben: Die Polizeistation in Bamiyan, die Provinz gilt als stabil. Rechts oben: Die 28-jährige Gulsoom Hosseini koordiniert die Alphabetisierungskurse für ihre Polizeikolleg*innen. Links unten: Karima Hosseini kann jetzt auch ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Rechts unten: Sicherheit geht vor – die Polizistin kontrolliert eine Afghanin am Eingang der Wache.

Einsatz für die Sicherheit bei den Wahlen

Noch ist der Anteil von Frauen, die den Alphabetisierungskurs abgeschlossen haben, mit zwei Prozent gering. Doch das Potenzial für den gesellschaftlichen Wandel, das von den jungen Polizistinnen ausgeht, ist hoch, weiß Gulsoom Hosseini. Seit vier Jahren koordiniert sie die Polizei-Alphabetisierungskurse in Bamiyan. Die 28-Jährige hat einen wachen Blick, trägt dezentes Make-up und goldene Armreifen unter den Ärmeln ihrer Uniform. Sie hat die Polizeiakademie in Kabul besucht, studiert nun Jura und will ein Vorbild sein. „Wir Frauen sollten genauso problemlos wie Männer an allen Stellen des öffentlichen Lebens arbeiten können, ob in privaten Organisationen oder in der Regierung“, sagt die Afghanin mit entschlossener Stimme. Dass Frauen schon heute eine wichtige Rolle in der Gesellschaft von Bamiyan spielen, zeigte sich bei den landesweiten Parlamentswahlen im Oktober 2018: Rund 500 Frauen, die meisten von ihnen Analphabetinnen, wurden von den bereits geschulten Polizistinnen ausgebildet, um vor den Wahlbüros Körperdurchsuchungen bei Wählerinnen durchzuführen. So trugen sie zum reibungslosen Ablauf des Urnengangs bei.

Polizistin Karima Hosseini jedenfalls ist glücklich, ihre Berufung gefunden zu haben. Das Monatsgehalt von 8.000 Afghanis (knapp 100 Euro) ist in Bamiyan ein solides Einkommen. Was sie sich wünscht? „Sicherheit und Bildung für alle Afghan*innen“, sagt sie sofort. „Als Erstes will ich meinen Mitmenschen dienen. Dafür werde ich so lange bei der Polizei bleiben, bis sie mich rausschmeißen.“ Sie lacht und deutet auf den leeren Bürostuhl vor ihr, den Chefsessel des Polizeireviers. „Mein Ziel ist es, eines Tages dort zu sitzen. Das Erste, was ich als Polizeichefin tun würde, wäre, Lese- und Schreibkurse für alle Frauen in der Stadt einzurichten, damit sie in der Gesellschaft gestärkt werden.“

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