Interview: Compliance

Anständig handeln

Rechtsexpertin Christine Hohmann-Dennhardt über den Kampf gegen Korruption und die Bedeutung von Compliance und Transparenz für große Unternehmen.

Text: 
Friederike Bauer

Dadaab: eigentlich ein Flüchtlingslager, inzwischen eine regelrechte Großstadt in der kenianischen Wüste

Expertin für Compliance: Christine Hohmann-Dennhardt (Foto: Daimler AG - Global Communications Mercedes-Benz)

Wie wichtig sind Compliance und Transparenz für ein Weltunternehmen wie Daimler?
Beide sind wichtig und steigen weiter in ihrer Bedeutung. Natürlich geht es uns erst einmal um exzellente Produkte: Elegante und sichere Autos prägen das Markenbild. Aber für das Image ist es genauso wichtig, wie sich ein Unternehmen im Markt verhält. Wir wissen, dass unkorrektes Verhalten wirtschaftliche Folgen haben kann. Deshalb wollen wir anständig verdienen und anständig handeln.

Warum wird Transparenz wichtiger?
Die Sensibilität von Gesellschaften nimmt zu. Und das nicht erst seit der Finanzkrise. In vielen Ländern haben sich die Gesetze geändert, sie fordern mehr Offenheit und stärkere Kontrollen. Dabei spielen auch die Neuen Medien eine große Rolle, die Informationen schneller und leicht zugänglich verbreiten. Wenn ein Unternehmen nicht sauber arbeitet, spricht sich das sehr schnell herum.

"Uns geht es um Integrität, um Werte wie faire und korrekte Zusammenarbeit"

Gab es solche Fälle auch bei Daimler?
Ja, es gab auch bei uns Regelverletzungen und Korruption. Deshalb mussten wir uns 2010 vor der US-Börsenaufsicht und dem US-Justizministerium verantworten und eine Geldbuße von 185 Millionen Dollar zahlen. Zusätzlich wurde für drei Jahre der ehemalige FBI-Direktor Louis Freeh als unabhängiger Monitor beauftragt. Daraus haben wir gelernt.  

Worin lag Ihre größte Herausforderung bisher?
Der Belegschaft wieder Sicherheit beim Thema Compliance zu geben, ihr zu erklären, was wir darunter genau verstehen. Wir verwenden übrigens lieber den Begriff Integrität. Compliance heißt eigentlich nur Regeleinhaltung. Uns geht es aber mehr um Werte, an denen sich unser Handeln ausrichten soll, etwa um faire und korrekte Zusammenarbeit. Um einen Kompass, an dem sich die Beschäftigten auch in schwieriger Lage orientieren können. Dafür haben wir viel unternommen: Wir haben eine neue, transparente Verhaltensrichtlinie erarbeitet und unser gesamtes Regelwerk deutlich verschlankt.

"Compliance ist kein Feigenblatt"

Haben Compliance-Beauftragte nicht hauptsächlich eine Feigenblattfunktion?
Das wäre etwas, mit dem man sich nach außen entlasten möchte. Bei uns trifft das aber nicht zu, denn das Kind war ja, wenn Sie so wollen, bereits in den Brunnen gefallen. Insofern hat Compliance bei Daimler keine Feigenblattfunktion, sondern ist ein wichtiger Teil der Geschäftstätigkeit. Unsere Parole lautet seither: Wer, wenn nicht wir?

Werden diese Werte im Unternehmen gelebt?
Wir sind ein großes Stück vorangekommen, aber man kann sich immer verbessern. Weil wir die Belegschaft bei vielen der Neuerungen einbezogen haben, identifiziert sie sich durchaus mit unseren Integritätsvorschriften und richtet sich auch weitgehend danach.

"Grenzen von Transparenz beim Persönlichkeits- und Datenschutz"

Wie groß ist das Problem der Korruption bei Daimler?
Korruption macht nur noch einen sehr kleinen Teil der Verdachtsmomente aus. Meistens erweisen sie sich dann auch noch als nicht gerechtfertigt. Deshalb sind wir aber nicht für alle Zeiten vor Korruption gefeit. Dagegen anzugehen, ist eine permanente Aufgabe. Gerade in Ländern, in denen Korruption weiter verbreitet ist als bei uns, müssen wir den Mitarbeitern Anleitungen mit auf den Weg geben, damit sie handeln können, ohne sich selbst unkorrekt zu verhalten. Andererseits wollen wir auch kein umfassendes Überwachungssystem, wir sind ja kein Polizeistaat.

Wo sehen Sie Grenzen der Transparenz?
Beim Persönlichkeits- und Datenschutz. Das heißt, dass wir zwar Statistiken über Regelverstöße führen, aber niemanden an den Pranger stellen. Die Daten sind anonymisiert. Wir ermitteln auch nicht einfach gegen jemanden, sondern gehen nach festen, grundrechtskonformen Verfahrensregeln vor. Das gewährleistet eine effektive und transparente Aufklärung von Verstößen. So untersuchen wir zum Beispiel den Mailverkehr eines Mitarbeiters nur, wenn es einen eindeutigen Verdacht auf Missbrauch gibt. Persönlichkeitsrechte sind ein heikles Thema, das nicht mit falsch verstandener Transparenz zu verwechseln ist.

Christine Hohmann-Dennhardt war von 2011 bis 2015 im Vorstand der Daimler AG und dort zuständig für Integrität und Recht. Die Juristin, Politikerin und frühere Richterin am Bundesverfassungsgericht nimmt in der deutschen Wirtschaft eine Ausnahmestellung ein.

Interview: Friederike Bauer

aus akzente 2/15

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